Kirchenkompass


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Fußwaschung und Verrat

 

Wer eine Kirche aus den ersten Jahrhunderten nach dem Ende der Christenverfolgungen betritt, sieht in der Apsis den thronenden Christus. Im 19 Jahrhundert wurden romanische Kirchen, so das Bonner Münster, in gleicher Weise ausgemalt. Die Christen haben dem Auferstandenen und in den Himmel Erhöhten den Platz zugewiesen, den in der römischen Königshalle (Basilika) dem Kaiser zugekommen ist.

Im Mittelalter begegnet Christus als Weltenrichter denen, die in die Kirche eintreten. Einige romanische Kirchen (so die Schottenkirche in Regensburg) und viele gotische Kirchen haben im Tympanon über dem Eingangsportal das Weltgericht dargestellt. In den mittelalterliche Kirchen ist das Kreuz aufgerichtet oder hängt für alle sichtbar in der Mitte der Kirche. Der Gekreuzigte als Weltenherr. Wird er diejenigen der Verdammnis preisgeben, die für das Leid, das Unglück, den Tod anderer verantwortlich sind? Was war die Absicht, mit der Jesus das Todesurteil akzeptiert hat. Sind nur die von ihm geliebt, die nicht weggelaufen sind, so wie seine Mutter oder der Apostel Johannes?

Die Antwort scheint klar zu sein: Jesus ist für alle gestorben. Jeder kann sich darauf verlassen, daß die Sünden vergeben werden. Aber so überzeugend die Botschaft des Evangeliums an vielen Tagen sein mag, es gibt Phasen im Leben, in denen das nicht mehr selbstverständlich ist. Wenn uns ein lieber Mensch genommen wird, wenn andere uns übel mitgespielt haben, wenn wir verlassen wurden oder krank geworden sind, dann haben wir einen unsichtbaren Gesprächspartner, von dem wir uns verlassen fühlen. "Warum gerade ich?" lautet die Anfrage.

In solchen Stunden müssen wir uns an etwas halten können. Wir gehen zu Maria, die ihren toten Sohn in Armen hält. Oder wir sprechen vor dem Kreuz aus, was uns niederdrückt. Sicherheit, daß wir Gehör finden, erhalten wir, wenn wir wissen, wie Jesus sein Scheitern verstanden hat. Eines der zentralen Verstehensmomente sind die Worte, die Jesus beim Abendmahl gesprochen hat. Ausdrücklich spricht er von seinem Leib und seinem Blut, d.h. von seinem Sterben, daß er hingegeben wird für die Menschen.

Der Evangelist Johannes überliefert eine überraschende Handlung Jesu vor dem Abendmahl, die in der Liturgie am Gründonnerstag vom Priester oder Bischof wiederholt wird: Jesus wäscht den 12 Aposteln die Füße. Petrus reagiert mit den Worten:
"Du, Herr, willst mir die Füße waschen? Jesus antwortete ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht, doch später wirst du es begreifen." (Joh 13,6f)

Mit der Fußwaschung drückt Jesus eine große Nähe zu seinen Jüngern aus. Aber schon während des Mahles wird deutlich, daß Judas ihn für 30 Silberlinge an das jüdische Gericht verkauft hat. Petrus, der bei der Gefangennahme das Schwert zieht, wird seinen Meister voller Angst verraten. Wer das, was er in der Fußwaschung ausgedrückt hat, trotz solcher Enttäuschungen nicht aufgibt, wer durch die Verzweiflung am Ölberg und die Demütigungen der Geißelung gegangen ist, der kann "mitfühlen" wie es der Hebräerbrief sagt:
"Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat." (Hebr 4,15)