Kirchenkompass


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Heilige Familie

 

Wenn man Darstellungen der Heiligen Familie – Jesus mit seinen Eltern Maria und Josef – sieht, vergißt man sehr leicht die harte Realität, die hinter dieser "Bilderbuchfamilie" steht. Denn eines fällt einem oft erst beim zweiten Nachdenken ein: Seine Familie hat es mit diesem Jesus eigentlich nie leicht gehabt.

Angefangen bei der Geburt. Da bekommt ein unverheiratetes Paar Nachwuchs, und das ausgerechnet zur Zeit der großen Volkszählung, in der alles auf den Beinen ist zu der Stadt, deren "Meldepflicht" er unterliegt. In der Futterkrippe eines Viehstalls wird der Kleine dann geboren, kein besonders guter Anfang offensichtlich. Die Hirten, die vom Feld gekommen waren und die Weisen mit ihren Geschenken waren auch schnell wieder verschwunden. Schon begann der rauhe Alltag. Kaum zur Familie geworden, war man schon auf der Flucht vor den Kindesmördern, die Herodes geschickt hatte.

Und kaum war der kleine Jesus reif für die Beschneidung, versetzte er seinen Eltern den nächsten Tiefschlag: Auf dem Weg zum Tempel läuft er fort und gibt Maria und Josef zu verstehen, daß er seine ganz eigenen Vorstellungen von Autorität hat.

Und gibt es da nicht noch weitere Stellen im Neuen Testament, in denen deutlich wird, daß Jesus einen ganz eigenen Familienbegriff hatte? Die eigene Familie zu verlassen und ihm nachzufolgen rät er jedenfalls seinen Anhängern.

Doch trotz allem: Marias Liebe zu ihrem Sohn ist ungebrochen. Sie folgt ihm bis unter das Kreuz und wird dort zur Identifikationsfigur für Mütter aller Zeiten, die den Tod ihrer Kinder erleiden müssen. Ist das etwa Familienglück?

Doch die Geschichte ist mit Jesu Tod am Kreuz noch nicht zu Ende.

Maria steht auch dafür, daß Liebe nicht vom Tod besiegt wird. Sie wird Zeugin der Auferstehung und bezeugt dadurch, daß Beziehungen zwischen Menschen so eng sein können, daß sie keine Macht trennen kann.

Dafür kann die Heilige Familie, wie sie in vielen Weihnachtskrippen, Gemälden und Kirchenfenstern dargestellt ist, auch heute Sinnbild sein: Es gibt eine Solidarität unter Menschen, die letztlich in der Solidarität Gottes mit den Menschen gründet. Viele Beziehungen kann der Mensch sich in seinem Leben aussuchen, doch die Beziehung, in der er Heimat findet, wird ihm geschenkt. Die Geborgenheit in der Familie ist deshalb ein Symbol für die Geborgenheit, die Menschen bei Gott finden können.

Vielleicht taucht Josef auch deshalb schon bald nicht mehr in der Biographie Jesu auf, weil die Evangelisten genau dies zum Ausdruck bringen wollten: Geborgen wie in einer Familie fühlt sich Jesus bei Gott, seinem Vater, seinem "Väterchen", wie er ihn liebevoll nennt.

"Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich ... Aber nicht, was ich will, sondern was du willst soll geschehen." (Mk 14,36)

Genauso geborgen dürfen auch wir uns in der Liebe Gottes fühlen. Doch um dieses Gefühl kennenzulernen, brauchen wir eine Familie.

Mangelndes Gottvertrauen resultiert zum Teil sicher auch aus mangelndem Vertrauen in die eigene Familie. So ist die Familie die Keimzelle des Glaubens, und die Heilige Familie ist, nicht nur in der Weihnachtskrippe, der Urtyp dieser Keimzelle.