Kirchenkompass


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Altar

 

Die ersten Zeugnisse dafür, daß der Mensch geistig erwacht ist und angefangen hat, sich vom Tier zu unterscheiden, sind aufgerichtete Steine. In Stonehedge und an anderen Orten finden sich Hinweise, daß der Mensch eine andere Wirklichkeit anzielt. Wie kann er sich dieser Wirklichkeit nähern? Ein Versuch sind die Opfer. Etwas wird verbrannt, weil es so aufsteigen und die andere Wirklichkeit vielleicht erreichen kann. Diese Opfer werden auf einem Stein dargebracht, d.h. das Opfertier oder die Früchte werden verbrannt. Der Altar ist somit ein Opferstein. Der Mensch nimmt etwas Wertvolles für das Opfer, weil er so ausdrücken kann, daß ihm der Bezug zu der anderen Wirklichkeit etwas wert ist. Im ersten Buch der Bibel verlangt Gott vom Menschen, daß er ihm alle Erstgeburten opfert. Der Mensch soll erkennen, daß alles, was er hat und was ihm geboren wird, von Gott kommt. Selbst Abraham soll seinen Erstgeborenen, den lang ersehnten Sohn Isaak, opfern. Doch die Erzählung von Isaak überwindet die Vorstellung, der Mensch müßte Gott das, was ihm am liebsten ist, opfern.

Eine frühere Erzählung im ersten Buch der Bibel drückt eine der menschlichen Urängste aus. Das Opfer erreicht die andere Wirklichkeit nicht. Der Rauch, in den das Opfer verwandelt ist, bleibt auf der Erde liegen. Eine solche Angst beschleicht uns, wenn wir in eine Aufgabe, in ein Projekt viel investiert haben. Alles könnte umsonst gewesen sein, wenn das Ganze kein Erfolg wird. Wir haben Zeit, vielleicht unsere Gesundheit verbraucht und es wird nichts daraus. Der Krieg hat ebenfalls den Charakter eines Opfers. Ein Volk opfert die junge Generation. In der Niederlage zeigt sich, daß das Opfer umsonst war. Dem Land eröffnet sich keine neue Perspektive, sondern Abhängigkeit von einer fremden Macht, es müssen Reparationen gezahlt werden und eine Generation fehlt. Das Opfer des Kain scheint nicht zum Himmel hochgestiegen zu sein. Weil er den Eindruck hat, sein Bruder Abel genieße bei der himmlischen Macht mehr Akzeptanz, bringt er ihn um. Er kann es nicht aushalten, daß sein Opfer nicht angenommen zu werden scheint.

Diese lange Geschichte der menschlichen Opfer ist mit zu denken, wenn wir in einer Kirche den Altar sehen. Ursprünglich ist der Altar ein Tisch, wie er für das Abendmahl notwendig ist. Jesus selbst hat dieses Mahl mit dem Opfer seines Lebens in Verbindung gebracht.

Als er den Kelch an die Jünger weiterreicht, sagt er:
"Dies ist mein Blut, das für euch hingegeben wird."

Blut bedeutet "getötet werden". Zugleich ist Blut gleichbedeutend mit Leben. "Sein Blut geben" heißt deshalb "sein Leben geben". Mit dem Opfer Christi hat Gott die Reihe der Opfer abgeschlossen. Es muß kein neues Opfer mehr gefeiert werden. Im Hebräerbrief heißt es deshalb von Jesus:
"Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen. Und wie es dem Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt, so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen; beim zweiten Mal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten." (Hebr 9,26f)

Zwar haben die Menschen nach diesem endgültigen Opfer Christi noch viele Opfer gebracht, indem sie Kriege geführt und andere umgebracht haben. Aber damit haben sie dieses eine Opfer Christi nicht außer Kraft gesetzt. Sie sind oft reumütig zum Altar zurückgekehrt.

Das eine Opfer Christi wird durch die Feier der Messe nicht erneuert, es wird auch nicht ein weiteres Opfer begangen, denn diesem einen Opfer kann der Mensch nichts hinzufügen. Das Opfer ist deshalb endgültig angenommen, weil Jesus durch die Auferstehung zugleich in den Himmel aufgenommen wurde. Er ist bei Gott. Wir brauchen nicht mehr wie Kain Angst haben, dieses Opfer könne umsonst gewesen sein.

Wenn Jesus im Abendmahlssaal sagt: "Tut dies zu meinem Gedächtnis", dann bleibt in diesem Gedächtnismahl das Opfer Christi gegenwärtig. Wir nehmen nicht nur am Tod Jesu teil, sondern an seiner Auferstehung. Deshalb heißt es nach den Wandlungsworten:
"Geheimnis des Glaubens: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung feiern wir bis du kommst in Herrlichkeit."