Nachbarn im Westen
Die Kirche in Frankreich
von Norbert Wolff
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Unser westliches Nachbarland läßt sich nicht so leicht auf einen Nenner bringen. Wer den Namen "Frankreich" hört, denkt vielleicht an die Küche und an den Wein, an die imposanten gotischen Kathedralen, an die moderne Kunst, an die Hauptstadt Paris, an den Fußball – man ist amtierender Weltmeister – oder auch an die lange christliche Geschichte, die dem Land den Ehrentitel "älteste Tochter der Kirche" eingetragen hat. Seit den 40er Jahren unseres Jahrhunderts wird allerdings auch davon gesprochen, daß Frankreich sich zum Missionsland entwickelt hat.
Mit rund 550000 Quadratkilometern ist Frankreich, das größte Land Westeuropas, mehr als eineinhalb mal so groß wie Deutschland, zählt jedoch nur 61 Millionen Einwohner. Knapp 80 % der Franzosen gehören der katholischen Kirche an (14 % davon sind praktizierend). Außerdem gibt es zahlreiche Moslems (etwa 5 %) sowie kleinere Gruppen von Protestanten und Juden. Relativ hoch ist der Prozentsatz der Konfessionslosen. Der französische Staat fühlt sich zu religiöser Neutralität verpflichtet und legt daher großen Wert auf eine strikte Trennung von Staat und Kirche. Da es keine Kirchensteuer gibt, sind die französischen Religionsgemeinschaften auf Spenden angewiesen. An staatlichen Schulen darf kein Religionsunterricht erteilt werden.
 
Die französische Revolution und die Folgen
Nachdem jahrhundertelang die katholische Kirche in Frankreich eine privilegierte Stellung genossen hatte, kam es durch die Revolution von 1789 zu einer Zäsur. Obwohl von ihrem Ausgangspunkt her zunächst nicht kirchenfeindlich, hatte die Revolution für die Kirche weitreichende Folgen. Das Kirchengut wurde verstaatlicht, nicht-caritative Orden wurden aufgehoben, der Klerus mußte einen Eid auf die sogenannte "Zivilkonstitution" schwören bzw. erlitt das Los der Verfolgung, der Verbannung oder des Todes. Während der Schreckensherrschaft der Jahre 1793/94 wurde das Christentum offiziell abgeschafft.
Nach der napoleonischen Epoche und dem Wiener Kongreß blieben antiklerikale und liberale Kräfte einflußreich. Zugleich fanden einige innerkirchliche Aufbrüche statt. Jean-Marie Vianney, der hl. Pfarrer von Ars, und viele andere Seelsorger bemühten sich darum, Menschen zum Christentum zurückzuführen. Es kam zu Neugründungen von Ordensgemeinschaften. In Lourdes erschien 1858 die Gottesmutter, woraufhin eine Wallfahrtsbewegung einsetzte. Frankreich stellte der katholischen Weltmission im 19. Jahrhundert die meisten Missionarinnen und Missionare zur Verfügung.
In der Zeit nach 1875 verschlechterte sich das Klima erneut zuungunsten der Kirche. Vor allem die katholischen Schulen und einige Ordensgemeinschaften wurden dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Zur endgültigen Trennung von Staat und Kirche kam es in den Jahren 1901 bis 1905. Das Vereinsgesetz von 1901 richtete sich wiederum gegen die Orden, so daß diese in der Folgezeit zahlreiche Niederlassungen schließen mußten. 1905 kündigte der Staat das napoleonische Konkordat von 1801 auf und stellte auch die finanziellen Zuwendungen an die Kirche ein, die damit ärmer, aber zugleich unabhängiger wurde.
 
Eine Kirche zwischen Tradition und Moderne
Die französische Kirche hat Bischöfe wie Marcel Lefebvre und Jacques Gaillot hervorgebracht, die für ganz unterschiedliche theologische Positionen stehen, letzterer übrigens ein Zögling der Salesianerschule von St-Dizier (Champagne). In Frankreich ist die ökumenische Mönchsgemeinschaft von Taizé beheimatet, die auf die Verständigung unter den christlichen Konfessionen setzt und gerade bei jungen Menschen auf eine große Resonanz stößt.
Wichtige pastorale Erfahrungen – positive wie negative – sammelte die französische Kirche seit dem Zweiten Weltkrieg, als Geistliche begannen, in die Fabriken zu gehen, um dort als "Arbeiterpriester" zu wirken. Französische Theologen waren es auch, die wesentliche theologische Vorarbeiten für das Zweite Vatikanische Konzil geleistet haben. Erwähnt seien nur der Jesuit Henri de Lubac und der Dominikaner Yves Congar, die sich an der Heiligen Schrift und an den Kirchenvätern orientierten und so dafür sorgten, daß die moderne Theologie nicht ohne Fundament blieb.
Ein großes Problem ist der gravierende Priestermangel. Schon seit den 50er Jahren geht der Nachwuchs für die geistlichen Berufe zurück. Angesichts der Tatsache, daß die Entchristlichung in Frankreich nicht nur ein städtisches, sondern auch ein ländliches Phänomen ist, wiegt es um so schwerer, wenn ein Seelsorger für zehn und mehr Landpfarreien zuständig ist. Viele Menschen werden demnach von der Kirche kaum noch erreicht.
Glücklicherweise setzen die ungünstigen Rahmenbedingungen Kräfte frei, die sonst womöglich unentdeckt geblieben wären. Ohne das Engagement der Laien fiele es der französischen Kirche schwer, ihren Auftrag zu erfüllen. Und nicht umsonst haben viele neue geistliche Bewegungen hier ihren Anfang genommen. Bei religiösen Großereignissen wie dem Papstbesuch 1996 anläßlich des 1500jährigen Jubiläums der Taufe des Frankenherrschers Chlodwig oder dem Weltjugendtag 1997 wurde deutlich, daß die katholische Kirche – ohne Macht und ohne Privilegien – in Frankreich noch eine wichtige Rolle spielt.
 
Salesianer Don Boscos und Don-Bosco-Schwestern
Don Bosco verfügte über vielfältige Kontakte nach Frankreich. So konnte es nicht ausbleiben, daß man ihn bat, Mitbrüder und Schwestern zu schicken. 1875 nahmen die Salesianer Don Boscos ihre Arbeit in einem Oratorium Nizza auf; zwei Jahre später folgten die Don-Bosco-Schwestern. Weitere salesianische Niederlassungen wurden u. a. in Marseille, Paris und Lille gegründet. Schon 1879 erschien die französische Ausgabe des "Bollettino Salesiano" (seit 1977 unter dem Titel "Don Bosco Aujourd’hui").
Die kirchenfeindlichen Gesetze der ersten Jahre unseres Jahrhunderts brachten die Salesianer und die Don-Bosco-Schwestern in große Schwierigkeiten. Einige von ihnen verließen das Land, andere traten pro forma aus dem Orden aus, um im Verborgenen im Sinne Don Boscos weiterwirken zu können. Erst in den 20er Jahren, als sich die Beziehungen zwischen Frankreich und dem Vatikan etwas besserten, normalisierten sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Ordensleute (z. B. konnte 1926 das Salesianerwerk in Caen gegründet werden).
Heute gibt es rund 350 Salesianer und 250 Don-Bosco-Schwestern in Frankreich. Ihre wichtigsten Tätigkeitsfelder sind Schulen, Berufsausbildung, offene Jugendarbeit, Pfarreien und Kindergärten. Da die Zahl der Ordensberufungen in den letzten Jahren sehr stark abgenommen hat, muß überlegt werden, wie die salesianische Sendung auch in Zukunft sichergestellt werden kann. Viele Leitungspositionen (u. a. Schulleiter) sind bereits an Laien vergeben werden, so daß die Ordensleute sich auf pastorale und animatorische Aufgaben konzentrieren können. Wegen Nachwuchsmangels werden am 17. August 1999 die beiden Salesianerprovinzen von Paris und Lyon zu einer einzigen zusammengelegt. Dennoch blickt man optimistisch nach vorn, und auch das Volontariat, d. h. das Angebot an junge Leute, zeitlich befristet an einem salesianischen Projekt in Frankreich oder in der Mission mitzuarbeiten, erfreut sich regen Zuspruchs.
 
Zu Besuch in der Normandie
Die Normandie gehört nicht zu den überlaufenen Urlaubsgebieten Frankreichs. Hier hat der Gast Zeit und Muße, sich auf Land und Leute einzulassen und die kulturellen Sehenswürdigkeiten wie auch die kulinarischen Spezialitäten der Region – Meeresfrüchte, Kutteln, Camembert, Cidre, Calvados, ... – kennenzulernen.
Im Karmel von Lisieux lebte zu Ende des vergangenen Jahrhunderts die 1925 heiliggesprochene Ordensfrau Thérèse Martin, bekannter unter dem Namen Theresia vom Kinde Jesu. Heute ist Lisieux zu einem Wallfahrtsort geworden, an dem die Pilger dem Leben und der Lehre der frühvollendeten Mystikerin nachspüren.
Der nahegelegene Fischerort Honfleur mit seinem malerischen Hafen und der alten Seemannskirche lockt zahlreiche Touristen an, ebenso die etwas vornehmeren Seebäder Deauville und Trouville. Einige Kilometer nordwestlich von hier befindet sich die Stelle, an der im Sommer 1944 die alliierten Truppen landeten.
Caen, die Hauptstadt des Departements Calvados, hat nicht nur die romanisch-gotischen Klosterkirchen St-Etienne und Ste-Trinité zu bieten, sondern beherbergt mit dem Institut Lemonnier auch eine der größten salesianischen Einrichtungen Frankreichs, in der 1500 Jugendliche eine schulische bzw. berufliche Ausbildung erhalten.
Sehenswert ist Bayeux mit seinem markanten Dom. Bischof Pierre Pican gehört dem Orden der Salesianer Don Boscos an; er war früher Provinzial von Paris. Bei einem Aufenthalt in Bayeux sollte nicht versäumt werden, das Museum mit dem berühmten mittelalterlichen Wandteppich zu besichtigen, der die Schlacht von Hastings (1066) darstellt.
Schließlich lohnt es, sich noch weiter nach Westen zu begeben und die gotische Kathedrale von Coutances aufzusuchen, die eine große Ähnlichkeit mit Notre-Dame de Paris aufzuweisen hat. Einen besonderen Reiz entfaltet hier im Frühjahr und Sommer der Stadtpark, dessen Blütenpracht ein beliebtes Fotomotiv bildet.



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Zuletzt bearbeitet: 25. Mai 1999, wolff@pth-bb.de.