»Dort studieren, wo andere ihren Urlaub verbringen«

Das Klosterdorf Benediktbeuern und seine zwei Hochschulen

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Benediktbeuern

»Benediktbeuern liegt köstlich und überrascht bei seinem Anblick.« Als Johann Wolfgang von Goethe 1786 auf dem Wege nach Italien den Pfaffenwinkel durchquerte, schrieb er diesen Satz in sein Tagebuch. Das Kloster am Fuße der Benediktenwand lädt heute noch durch sein äußeres Erscheinungsbild zum Innehalten, zur Kontemplation ein. Seit mehr als 1200 Jahren ist Benediktbeuern allerdings nicht nur eine Stätte des Gebetes, sondern auch der Bildung und Wissenschaft. Bereits in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts hatte die Schreibschule des um 739 gegründeten Klosters ein hohes Niveau erreicht.



Kloster mit Benediktenwand

Geschichte Durch all die Jahrhunderte hindurch blieb die Abtei mit ihrer gut ausgestatteten Bibliothek der Gelehrsamkeit verpflichtet. Zeitweise befand sich in Benediktbeuern das »Studium commune« der bayerischen Benediktiner. 1724 machte P. Karl Meichelbeck OSB mit seiner »Historia Frisingensis« von sich reden: der ersten, unter Verwendung der historisch-kritischen Methode verfaßten Geschichte eines süddeutschen Bistums. Bei der 1803 erfolgten Auflösung des Klosters entdeckte man hier die später durch Carl Orff vertonten »Carmina Burana«. Von 1807/08 an arbeitete der Physiker Joseph von Fraunhofer mehrere Jahre lang in den Räumen des Klosters, wo ihm bahnbrechende optische Entdeckungen gelangen.
Philosophisch-Theologische Hochschule Die Salesianer Don Boscos, die sich vor allem in der Jugendpastoral und Jugendarbeit engagieren, kauften 1930 die Klosteranlage, um hier ein Jahr später eine Lehranstalt zur philosophischen und theologischen Ausbildung des Ordensnachwuchses einzurichten. Heute wird die Hochschule längst nicht mehr nur von Ordensangehörigen besucht, und sie hat gerade in den letzten Jahren einen stetigen Wandel erlebt. 1981 erhielt sie vom Freistaat Bayern die Anerkennung als nichtstaatliche wissenschaftliche Hochschule, die nach einem zehnsemestrigen Studium das Diplom in Katholischer Theologie verleiht. Schon nach vier Semestern kann hier übrigens das kirchlich anerkannte Bakkalaureat in Philosophie erworben werden. Seit 1990 besitzt die Hochschule das staatliche und seit 1992 das kirchliche Promotionsrecht; 1992 wurde sie von der römischen Kongregation für das Bildungswesen zur Theologischen Fakultät erhoben. Seit 2000 besitzt die Hochschule auch das Habilitationsrecht.

Fachhochschule

»Doppel-
studium«

Eine Benediktbeurer Besonderheit besteht darin, daß der 3000-Seelen-Ort gleich zwei Hochschuleinrichtungen beherbergt. Zur Philosophisch-Theologischen Hochschule der Salesianer Don Boscos ist nämlich 1971 die Abteilung Benediktbeuern der Katholischen Stiftungsfachhochschule München hinzugekommen, auch sie in den Räumen des Klosters untergebracht. Die Fachhochschule bietet den siebensemestrigen Bachelorstudiengang Soziale Arbeit an, der ein Praxissemester beinhaltet. Es ist möglich, ein »Doppelstudium« der Theologie und der Sozialen Arbeit zu absolvieren, um nach insgesamt 14 Semestern beide Diplome in Händen zu halten. Außerdem können die Studentinnen und Studenten der Fachhochschule an einer theologischen Zusatzausbildung teilnehmen, die der persönlichen Glaubensvertiefung dient und zudem gute Anstellungschancen bei Einrichtungen kirchlicher Träger verschafft.
Umwelt und Kultur Zu den Studienschwerpunkten der Fachhochschule gehört seit Anfang der 90er Jahre die Umwelt- und Kulturpädagogik. »Doppelstudent« Rainer R. nahm dieses Angebot wahr und befaßte sich in seiner theologischen Diplomarbeit mit der »Agenda 21« und dem ökologischen Prinzip der Nachhaltigkeit. Er ist davon überzeugt, daß die Verantwortung für die Schöpfung ein wichtiger Inhalt der religiösen Erziehung ist. In seiner freien Zeit führte er Gruppen durch das barocke Kloster – am liebsten Kinder und Jugendliche, weil diese »die interessanteren Fragen stellen«. Für den früheren Postbeamten und jetzigen Jugendseelsorger ist Benediktbeuern mit seiner Umgebung »eine einzigartige Kulturlandschaft», mit der man sich einfach anfreunden muß.
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1988 wurde im ehemaligen Landwirtschaftsgebäude des Klosters das Benediktbeurer Zentrum für Umwelt und Kultur eingerichtet, das verschiedene Projekte zur ökologischen Jugend- und Erwachsenenbildung durchführt und sich besonders um den Erhalt der Loisach-Kochelsee-Moore bemüht. Hier wie auch in der Jugendbildungsstätte »Aktionszentrum«, im offenen Jugendtreff »Don-Bosco-Club« und in der Don-Bosco-Jugendherberge können die angehenden Sozialpädagogen und Theologen praktische Erfahrungen im Umgang mit Menschen sammeln und so unter einem Dach Theorie und Praxis verbinden.
Clearingstelle Seit Ende 1998 besteht in Benediktbeuern die »Clearingstelle Kirche und Umwelt«, die von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, der Deutschen Bischofskonferenz und den Salesianern Don Boscos getragen wird. Zu ihren Aufgaben gehört es, die Forschung zur christlichen Umweltethik voranzutreiben und Arbeitsmaterialien für Bildung und Pastoral zu erstellen.
Jugendpastoral Die Philosophisch-Theologische Hochschule legt Wert auf ein qualifiziertes Studienangebot im Fach Pastoraltheologie, speziell in der Jugendpastoral. Diesem Zweck dient auch die Kooperation mit dem Jugendpastoralinstitut der Salesianer, das u. a. Fortbildungen für Seelsorgerinnen und Seelsorger durchführt. P. Dr. Karl Bopp SDB, Professor für Pastoraltheologie und Rektor der Hochschule, vertritt den Standpunkt, daß der verantwortliche seelsorgerische Umgang mit Jugendlichen »einer gründlichen Kenntnis ihrer Situation« bedürfe, wozu das Gespräch mit den Humanwissenschaften entscheidend beitrage: »Hier in Benediktbeuern profitieren wir davon, daß dieses Gespräch mit den Pädagogik-, Psychologie- und Soziologiedozenten der Fachhochschule sowie mit den Mitarbeitern des Jugendpastoralinstituts geführt werden kann.«
Studierende Etwa 600 Studierende, von denen 140 das Diplom in Katholischer Theologie anstreben, gibt es in Benediktbeuern. Der größte Teil stammt aus Oberbayern oder aus Schwaben, aber auch das übrige Deutschland, Österreich und weitere europäische Staaten sind vertreten. Die meisten Studenten wohnen zur Miete bei einheimischen Familien. Während die Wohnungssituation in den 80er Jahren nicht sehr günstig war, hat sie sich mittlerweile durch den Bau eines Studentenwohnheims etwas zum Positiven verändert.
Freizeit Was den Freizeitbereich anbetrifft, so bietet die Bilderbuchlandschaft der bayerischen Voralpen mit ihren Bergen und Seen zahlreiche Möglichkeiten zu sportlicher Betätigung: Bergwandern, Radfahren, Schwimmen, Windsurfen, Skifahren. Im Sommer werden in der Benediktbeurer Basilika oder im Barocksaal des Klosters Konzerte mit klassischer Musik veranstaltet. Zur 60 km entfernten bayerischen Landeshauptstadt München gelangt man bequem mit der Eisenbahn. Auch das 70 km südlich gelegene Innsbruck, dessen früherer Bischof Dr. Alois M. Kothgasser SDB bis November 1997 Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benediktbeuern war, läßt sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen.
Ehemalige Ehemalige Studenten der beiden Benediktbeurer Hochschulen sind überwiegend in den klassischen Berufsfeldern der Sozialpädagogen und Theologen zu finden. Sie arbeiten in Jugendzentren, in Jugendbildungsstätten, in Jugendhilfeeinrichtungen, in Beratungsstellen, bei Behörden, in Pfarrgemeinden, bei Jugendverbänden, als Streetworker, als Lehrer und natürlich als Ordenspriester. In den letzten Jahren haben Benediktbeurer Absolventen sich zunehmend neue Tätigkeitsbereiche erschlossen: Journalismus und Verlagswesen, Personalabteilungen von Wirtschaftsunternehmen, Computerfirmen, Reiseunternehmen, die Bereiche Umwelt, Kultur und Politik. Oft sind hier Zusatzqualifikationen erforderlich, etwa EDV- oder Fremdsprachenkenntnisse. Dennoch ist nicht zu übersehen, daß ein Studium der Sozialen Arbeit, der Theologie oder sogar beider Fächer wichtige Schlüsselqualifikationen vermittelt, die nicht nur in den herkömmlichen Arbeitsfeldern sinnvoll angewandt werden können.
Leben und Glauben

Regina P. hat ihr Theologiestudium abgeschlossen und arbeitet nun in der Gemeindepastoral. Die Studiensituation in Benediktbeuern beurteilt sie positiv. Ihr gefällt es besonders, daß hier ein persönlicher Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden möglich ist – ohne die Anonymität einer Massenuniversität – und daß auch der Zugang zur Bibliothek unbürokratisch gehandhabt wird. Regelmäßig nahm sie an den Gottesdiensten der Salesianer in der Hauskapelle des Klosters teil; für sie war dies ein Stück »Einheit von Leben und Glauben«. Einen großen Standortvorteil hat das »Hochschuldorf« aus ihrer Sicht: »Wenn auch das kulturelle Angebot nicht ganz so groß ist wie in München – ich konnte dort studieren, wo andere ihren Urlaub verbringen.«

 

Norbert Wolff SDB

 

eMail-Kontakt

Norbert Wolff SDB:
wolff@pth-bb.de

Philosophisch-Theologische Hochschule der
Salesianer Don Boscos:
sekretariat@pth-bb.de
  Kloster Benediktbeuern:
info@kloster-benediktbeuern.de

Katholische Stiftungsfachhochschule München
Abteilung Benediktbeuern:
verwaltung.bb@ksfh.de

Zuletzt bearbeitet: 7. März 2009, wolff@pth-bb.de

     

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