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Karl Rahner als theologischer Architekt für die dritte kirchengeschichtliche Epoche

An Superlativen hat es in der Bewertung Karl Rahners nie gemangelt: der bedeutendste Theologe der katholischen Kirche im 20. Jahrhunderts, der maßgebliche Experte des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Überwinder der Schultheologie ... Ihm wird aber auch eine Subjektivierung des Glaubens oder eine billige Vereinnahmung der Nichtchristen vorgeworfen. Bis heute fällt das Urteil höchst unterschiedlich aus. Ist an seinem 100. Geburtstag mehr als eine Pflichterinnerung an seine von allen anerkannte theologiegeschichtliche Bedeutung möglich?

Karl Rahner hat am Ende seines Lebens unsere Zeit als Beginn der dritten kirchengeschichtlichen Epoche bezeichnet. Mit dem Zweiten Vatikanum sei die römisch-katholische Kirche eine Kirche geworden, die in vielfältiger Weise real Weltkirche werde. Karl Rahner ist nicht nur der Brückenbauer in diese kirchengeschichtliche Epoche hinein, sondern sein Werk stellt eine maßgebliche theologische Orientierung für diese dar. Sein Werk entstand als theologische Begleitung einer Kirche im Aufbruch und formale Grundlegung der Nachfolge Jesu dar. Es ist heute als theologische Architektur für die dritte kirchengeschichtliche Epoche neu zu gewinnen. Er lehrt uns beispielhaft, was theologische Verantwortung in ihr heißt.

Theologie steht im Dienst der Verkündigung und hilft, im Heute zu glauben. Die transzendentale Methode ermöglicht ihm, von der Glaubensnot her zu denken. Bereits 1943 charakterisiert er die Glaubenssituation als Leiden an der Gottesfrage. Die theologischen Gegenwartsanalysen verschärfen diese Diagnose. Die Gegenwart wird unzureichend als Säkularisierung charakterisiert. Sie ist vielmehr die Epoche der Selbstmanipulation des Menschen bis in seine biologischen, psychischen und ideologischen Voraussetzungen hinein. Der Mensch kann sich in seinem Selbstexperiment zu einem schlauen Tier zurückentwickeln.

Karl Rahner treibt daher Theologie angesichts des möglichen Endes der Menschheit, im Bewusstsein der bleibenden Minderheitensituation der Christen und eines weltanschaulichen Pluralismus. Weil er diese Situation als ‚heilsgeschichtliches Muss’ annimmt, darf die Glaubensrechenschaft den Glauben nicht abschottend verteidigen. Missionarischer Auftrag, Solidarität in der Glaubensnot und theologische Verantwortung verbinden sich. Immer wieder lässt er sich in neue Kontexte hineinziehen. Karl Rahners Werk ist von der Wurzel her geschichtlich mit der Not der Glaubenden verbunden. Seine „Schriften zur Theologie“ sammeln diese „Anlasstheologie“.

Er war gut vorbereitet für die Übersetzung der traditionellen Theologie in die neue Herausforderung hinein. Sein Werk ist tief in der ganzen Tradition verwurzelt: Kirchenväter, Bonaventura und Thomas von Aquin, Deutsche Mystik und die Diskussion der nachtridentinischen Schultheologie bis zu den vielfältigen Aufbrüchen des 19. und 20. Jahrhunderts sprechen mit. Die innere Virulenz dieser Tradition fragt er auf ihre heutige Fruchtbarkeit ab. In den spirituellen Schriften und Predigten wird zudem deutlich, wie stark er durch die geistliche Betrachtung der Heiligen Schrift in tagtäglicher Übung getragen wird. Die Vielfalt seiner heterogenen Herkünfte wird durch die theologische und spirituelle Tradition seines Ordens miteinander vernetzt und auf das zentrale Thema der Exerzitien des Ignatius von Loyola hin fruchtbar gemacht: Gott handelt unmittelbar mit seinem Geschöpf. Dies wird auch Prinzip und Fundament seines gesamten Schaffens.

Karl Rahner entwickelt eine elementare Orientierung für den Glauben nach dem Ende aller Selbstverständlichkeiten. Eine trinitarisch strukturierte Grundintention ist das tragende Wirkmuster seiner Schriften: Gott will das Heil aller Menschen (1 Tim, 2, 4; Eph 1 – 2, 10). Der universale Heilswille berührt uns in Christus und der Kirche. Durch den Heiligen Geist ergreift diese Gnade Jesu Christi als dem Haupt der erlösten Menschheit die gesamte Welt, und möchte sie erlösend in das Leben Gottes hinein verwandeln. Das dreieine Geheimnis Gottes in Offenbarung und Erlösung hat Karl Rahner als Selbstmitteilung Gottes begriffen, und damit die Sprache der Kirche geprägt. Mit dieser Grundidee, dass Gott den Menschen so berührt, dass wir ihn berühren können, balanciert er in der Form des ignatianischen „agere contra“, das jeweilige Suchen nach Gott und seinem Willen aus. Deshalb kann er von der notwendigen Selbstannahme sprechen, aber auch fordern, dass die Natur des Menschen durch das Kreuz Jesu Christi aufgebrochen werde! Stets betont er eine „fuga saeculi“ (Weltflucht), und warnt davor, Gott mit unserem Lebensdrang zu verwechseln. In einer die Passion Christi nachvollziehenden Theologie des Todes wird die maßgebliche Form der Nachfolge gefunden.

Da er das theologische Denken (und dadurch Glaube und Kirche) der Kritik aussetzt, weil alles Denken Anteil am göttlichen Logos hat, nimmt er die Auseinandersetzung mit der neuzeitlichen Philosophie von Kant bis Heidegger auf. Er entwickelt eine Konversionsmetaphysik, die in einer „Hinwendung zu den Sinnenbildern“ („conversio ad phantasma“) auf Welt hingeordnet bleibt. Im Verwiesensein auf Welterkenntnis wird der Mensch jedoch in der Grunderfahrung des Fragenmüssens über Welt hinausgerufen: Er ist ein Wesen der Transzendenz, ekstatische Existenz. Deshalb muss er horchen. Der Mensch ist Hörer des Wortes und steht immer vor dem freien Gott einer möglichen Offenbarung. Der Abstieg Gottes in die Welt und der Aufstieg des Menschen zu Gott treffen sich in der existentiell-geschichtlichen Nachfolge Jesu.

Später wird er diese Hinordnung auf jenen Gott, der sich dem Menschen als Heil selber mitteilt, „übernatürliches Existential“ oder „transzendentale Offenbarung“ nennen. Alle Menschen sind durch Inkarnation und Kreuz Christi objektiv erlöst. Ihnen ist im Voraus zu allem eigenen Tun die Gnade angeboten. Deshalb kann Karl Rahner in den Erfahrungen der Menschen, bevorzugt in den alltäglichen, eine Dimension herausstellen, die ihn nicht nur auf den Gott jenseits der Welt, sondern auf den „Gott mit uns“, den Immanuel verweist. Theologie und Verkündigung sollen in die Erfahrung der Gnade, in die Erfahrung des nahegekommenen Gottes einweisen. Deshalb kann er programmatisch formulieren: Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein.

In den existentiellen Erfahrungen von Liebe, Hoffnung wider aller Hoffnung und der vertrauenden Annahme des eigenen Todes sind wir nicht nur auf Jesus von Nazareth als dem Christus verwiesen, vielmehr werden wir in diesen Vollzügen zur Schwester und zum Bruder Christi. Der Mensch ist nur verstanden, wenn er im Licht des Geheimnisses Christi in das Geheimnis Gottes hineingerufen, ja gestoßen wird. Wer so mit Jesus Christus, ob er davon weiß oder nicht, sein Leben lebt, kann als „anonymer Christ“ geschätzt werden. Der Glaube kommt vom Hören und von der Gnade, die in der innersten Mitte des Herzens aufsteht: So lautet die elementare Struktur seiner Theologie der Verkündigung in nachchristlicher Zeit.

Mit diesem theologischen Kompass hat er die unterschiedlichsten Bereiche des Glaubenslebens und des kirchlichen Tuns durchgearbeitet und auf ihre Mitte hin ausgerichtet. Kaum einer Anfrage hat er sich entzogen. Deshalb finden sich Orientierungen zu den unterschiedlichsten Themenbereichen. Die Ausgabe der Sämtlichen Werke zeigt diese bereits vergessene Vielfalt eindrucksvoll. Nach dem Konzil wird er immer mehr auch zur umstrittenen Symbolfigur der nachkonziliaren Reform. Einen Strukturwandel der Kirche, der von einer neuen Spiritualität getragen ist, fordert er. Vor einem Marsch ins Getto warnt er. Am Ende seines Lebens formuliert er mit Heinrich Fries ein ökumenisches Manifest, das deshalb noch von Bedeutung sein wird, weil es einen pragmatisch gangbaren Weg skizziert: Einigung der Kirche – reale Möglichkeit!

Wie einst Klemens von Alexandrien hat Karl Rahner „theologische Teppiche“ geschrieben, die Orientierung in der neuen kirchengeschichtliche Epoche ermöglichen. Karl Rahner hat für uns heute keine fertigen Antworten parat. Unserer Generation ist nichts mehr selbstverständlich. Wir wären froh über Schulung in der Theologie, weil die Überwindung der Schultheologie uns auch als Verlust bewusst wird – vor allem der Traditionsabbruch in der Theologie nach dem Konzil. Sein Werk kann nicht als Steinbruch für eigene Positionen instrumentalisiert werden. Er hat uns vielmehr beispielhaft gezeigt, wie angemessene Antworten entwickelt werden müssen. Die Verantwortung nimmt er uns nicht ab, sondern mahnt uns: Macht es besser! So lehrt er uns, dem Glauben eine neue Wohnstatt zu errichten – wohl eher Zelte als Burgen oder Schlösser. Viele Optionen teilte er mit anderen Theologen seiner Generation: Yves Congar, Henri de Lubac, auch Hans Urs von Balthasar. Sie sind durch das Zweite Vatikanum Gemeingut geworden: der universale Heilswillen Gottes, die Christusverbundenheit aller Menschen – und deshalb die Heilshoffnung für alle in der Aufmerksamkeit für die Zeichen der Zeit und die Anerkennung der theologischen Würde jedes Menschen.

Eines aber lernen wir nur, wenn wir weiterhin in seine Schule gehen: den Mut, Glauben in der Gegenwart zu leben und theologisch im Heute zu verantworten. Karl Rahners Theologie ist Zeitgenossenschaft eines Pilgers, der mit auf dem Weg bleibt. Er weist alle Theologien der Vorzeit zurück, die sich aus der Gegenwart in eine scheinbar heile Vergangenheit wegstehlen: „Aggiornamento“ hat Johannes XXIII. diese Haltung genannt. Er weigert sich, den Glauben gegen kritische Anfragen in einer wie auch immer inszenierten Gegenwelt zu etablieren. Mit einem Buchtitel hat er sein Anliegen zusammengefasst: „Glaube, der die Erde liebt“. Karl Rahner ermutigt dazu, weil Gott auch heute, wie er es früher tat, die Sünder begnadet. Gott will mit allen Menschen unmittelbar handeln, auch heute und dort, wo wir es nicht mehr für möglich halten.

Autor: Roman A. Siebenrock, Dr. theol., Mag. phil., geb. 1957, ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Innsbruck und seit 1985 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Karl-Rahner-Archiv.
Dokument erstellt am 08.03.2004
Erscheinungsdatum 08.03.2004

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