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10 Folgen
zum Thema Medienpastoral.

 

aus dem neuen Buch:

Ludger Verst
Medienpastoral -
Bericht über ein Projekt.

167 S., 12,5 x 20,5 cm, Paperback
Verlag Butzon & Bercker
ISBN 3-7666-0373-6

8. Folge:
    Kommunikation mit den „treuen Fernstehenden“

Christliche Gemeinden sind Sozialformen, in denen sich Menschen zusammentun zur „Kommunikation des Evangeliums“ von Jesus Christus. Diese durch den evangelischen Theologen Ernst Lange populär gewordene Formel umschreibt die Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeiten, die die Jesus-Botschaft einerseits selbst liefert, andererseits selbst wiederum ständig benötigt.

Gemeinde ist dort, wo „Kommunikation des Evangeliums“ als Antwort auf die Anrede durch das Evangelium geschieht: im Befragen, Feiern und diakonischen Tun des Glaubens, möglicherweise auch im Streiten über person- und sachgerechte Formen. Menschen, die den An-Ruf Gottes wahrnehmen, können nicht bei sich selbst bleiben. Sie setzen sich in Bewegung, müssen ihre Erfahrung ‚loswerden’, sie weitersagen. Sie treten dabei in Konkurrenz zu einer „Brot und Spiele“ verheißenden Erlebnisgesellschaft: Die „Lebensfülle“, die Jesus schenkt, ist nicht individuelle Glückmaximierung, sondern die Aufgabe, mit dem Anderen das „tägliche Brot“ zu teilen. Ein spezifisch christlicher Lebensstil besteht darum nicht in der effektvollen Herstellung glanzvoller Erlebniswelten, sondern in der Erinnerung und Vergegenwärtigung des Lebens Jesu Christi mit den Mitteln heutiger Ausdrucks- und Gestaltungsformen. Darin liegt eine große Chance christlicher Gemeindekommunikation, unsere dritte Option: Christliche Gemeinden sollten jesuanisch orientierte Angebote kultureller Lebensgestaltung sein.

Eine Umgewichtung von der traditionellen Seelsorge, die vor allem an der Grundversorgung der Kerngemeinde interessiert ist, hin zu einer Kommunikationspastoral für die „treuen Fernstehenden“ müsste daher vor allem am Aufbau neuer pastoraler Orte bzw. Gelegenheitsstrukturen interessiert sein mit mehr oder weniger niederschwelligen (Medien-) Angeboten in den unterschiedlichen Milieus der Erlebnisgesellschaft. Solche Orte könnten sein: Citypastoral, Intercity-Seelsorge, Kontaktcafés in sozialen Brennpunkten, Politaktionen gegen Gewalt, Trauergottesdienste, ‚Nacht der offenen Kirchen’, Filmexerzitien, Internet-Chats mit Kirchen-Promis, Mailing-Aktionen für Neu-Zugezogene etc.

Es gibt ja durchaus bewährte Anknüpfungspunkte, wie eine solche Kommunikationsoffensive in die Zwischenräume geleistet werden kann. Da ist nach wie vor ein großes Vertrauen der Zeitgenossen in die sakrale bzw. spirituelle Kompetenz der Kirche inmitten des diffusen Überangebots gesellschaftlicher Sinnkonstruktionen. Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung suchen an den so genannten Knoten- oder Wendepunkten ihres Lebens die Begegnung mit dem Geheimnis dieser Welt, dem letzten Woher und Wohin ihrer Existenz. Sie möchten sich angesichts der nicht völlig zu verdrängenden Endlichkeit und Zerbrechlichkeit ihres Daseins des Segens Gottes für ihr Leben vergewissern; eines Gottes, der ihnen vielleicht unbekannt geblieben oder zumindest weithin fremd geworden ist, von dem sie aber doch vage hoffen, dass es ihn als schützende Macht über ihrem Leben und dem ihrer Kinder gibt.

Deshalb ist heute ein besonderes Augenmerk auf diejenigen zu richten, die erste Schritte zu tun bereit sind – spontan, vorläufig, ohne sofort ganz in den christlichen Glauben einzuschwingen und einzuwilligen, ohne gleich zum Insider eines kirchlichen Gemeindelebens zu werden. Dies erfordert nun aber eine Seelsorgeplanung, die die Anliegen der religiösen Passanten ernster nimmt als organisatorisches Effizienzdenken, das oft doch nur rekrutieren will. Kirchlicher Kommunikation müsste daran gelegen sein, dem Wirken des Geistes in einer Gemeinde von Suchenden und Glaubenden gestalterisch Raum zu geben. Dies ist eine permanente, durch die rasante mediengesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre zudem enorm forcierte pastorale Herausforderung.

Autor: Ludger Verst
Dokument erstellt am 08.03.2004
Erscheinungsdatum 11.03.2004

Weitere Artikel:

1. Einführung: Der "dramatische Bruch zwischen Evangelium und Kultur"
2. Zwischenräume überraschender Gottesgegenwart
3. Von der Verlautbarung zur Kommunikation
4. Neu-Inszenierung des Evangeliums in meiner Welt
5. Der Kommunikationsstil der Kirche
6. Als ob das Evangelium ein publizistischer Dauerknüller wäre
7. Das Evangelium in die zeit­genössische Erlebniskultur übersetzen
8. Kommunikation mit den „treuen Fernstehenden“
9. Das Projekt Medienpastoral
10. Das medienpastorale Engagement im Überblick
 
 
Der Autor:
Ludger Verst (44), Theologe, Journalist, Ausbildungsleiter in der katholischen Journalistenschule ifp in München; für verschiedene
Radio- und Fernsehsender tätig; seit 2000 zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Kirche und Öffentlichkeit" an der Universität Kassel.

Weiterführende Links:

>>> Radio-Beiträge aus der Zeit des Medienprojekts

>>> TV-Beiträge aus der Zeit des Medienprojekts

 

   
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