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10 Folgen
zum Thema Medienpastoral.

 

aus dem neuen Buch:

Ludger Verst
Medienpastoral -
Bericht über ein Projekt.

167 S., 12,5 x 20,5 cm, Paperback
Verlag Butzon & Bercker
ISBN 3-7666-0373-6

7. Folge:
    Das Evangelium in die zeit­genössische
    Erlebniskultur übersetzen

Angesichts der Ergebnisse der bekannten Studie von Gerhard Schulze (1992) zu den alltagsästhetischen Milieus einer „Erlebnisgesell­schaft“ steht die kirchliche Kommunikationsarbeit vor lange vernachlässigten Aufgaben. Sie muss den gesellschaftlich vollzogenen Übergang von einer schriftgeprägten zu einer audiovisuellen Kultur endlich begreifen und aufarbeiten. Die neuen vorwiegend medienästhetisch vermittelten Erlebniswelten werden auch die Identifizierung und Gestaltung christlicher Frömmigkeit nachhaltig mit bestimmen.

Wo das Wort nicht mehr trägt, schlägt die Stunde einer Wiederbelebung und Erneue­rung religiöser Symbole. Im Rückgriff auf Schulzes kultursoziologische Befunde wäre die Bedeutung von Symbolen für das religiöse Erleben genauer zu erforschen und zu klären, wodurch sich symbolisch vermitteltes religiöses Leben von den erlebnisrational gestylten Produkten des Erlebnismarktes unterscheidet und unterscheiden muss. Im Wissen um die eigene Partikularität könnten Christen mit Selbstbewusstsein auf das tradierte christliche Angebot des Lebens hinweisen und mit wachen Sinnen in der Gesellschaft nach Einsichten und Handlungsweisen suchen, die dem Evangelium heute entsprechen. Das Evangelium in die zeit­genössische Erlebniskultur übersetzen hieße demnach neue ästhetische Wege gehen: Die Erlebnisbezüge christlicher Religion müssten möglichst alle vor­handenen kulturellen Lebenswelten und Milieus einbeziehen: das so genannte „Niveaumilieu“ z.B. durch besonders gepflegte liturgische Angebote (Predigten, Kirchenmusik), das „Harmoniemilieu“ durch kirchliche Angebote an den Knotenpunkten des (familiären) Lebens, das „Integrationsmilieu“ durch eine Verbindung von Kontemplation und Gemeinschaftserlebnis, das „Selbstverwirklichungsmilieu“ durch eher provozierende Sonderformen von Aktion und Kontemplation und das „Unterhaltungsmilieu“ durch einfache, aktionsorientierte Freizeitangebote der Kirche (religiöses ‚Sightseeing’, Jugendfeten etc.). Warum sollten in populären ästhetischen Erlebnisangeboten nicht auch Modelle gelingenden Lebens zu entdecken und christlich zu modifizieren sein? Nicht, um die milieuspezifischen Wahrnehmungs- und Erlebnismuster kirchlicherseits zu ver­doppeln und die Lebensbotschaft des Evangeliums dem Geist des Erlebnismarktes zu op­fern. Die Kirche ist mehr als eine religiöse Erlebnisanstalt. Die Verkündigung des Rei­ches Gottes aber geschieht heute unausweichlich im strukturellen Rahmen einer Erlebnis- und Medienge­sellschaft. Die milieugebundenen Lebenserfahrungen sind der spezifische Kontext heutiger Evangelisierung durch Theologie und Gemeindearbeit.

Die kirchliche Gemeindewirklichkeit aber sieht anders aus. Der Pastoralsoziologe Michael N. Ebertz, der in seinem Bestseller „Kirche im Gegenwind. Zum Umbruch der religiösen Landschaft (Freiburg 1997)“ die Reform- und Innovationsresistenz kirchlicher Gemeinden vortrefflich beschreibt, sieht in den vielfach nur noch um sich selbst kreisenden Pfarrgemeinden kommunikative und nicht zuletzt auch ästhetische Milieuverengungen, die „bereits erheblich dazu beitragen, viele Menschen in Distanz, ja in absoluter Beziehungslosigkeit zum kirchlichen Leben zu halten“. In einem Radio-Interview im Bayerischen Rundfunk (BR 2 / 20.02.2000) hat er das Dilemma solcher Milieuverengungen drastisch auf den Punkt gebracht: „Ich denke, dass viele kirchliche Gemeinden – Ausnahmen bestätigen die Regel – faktisch geschlossene Clubs geworden sind (...) wie ein Männergesangverein, der heute auch vor der Frage steht, wo kriegen wir Nachwuchs her. Man müsste eigentlich zu diesem Männergesangverein sagen: Schau dich doch mal an! Schau, was du singst, was du nicht singst, wie du singst, wie du nicht singst, welche Formen der Geselligkeit du pflegst und welche nicht! Wenn du diese sechs Fragen richtig beantwortest, dann weißt du, weshalb du keinen Nachwuchs kriegst. Und so ähnlich ist es heute mit vielen Kirchengemeinden. Sie sind vereinsähnliche, in sich gekrümmte, in sich geschlossene, wohlige, gemütliche Clubs geworden, die so tun, als seien sie offen, aber faktisch hochgradig geschlossen sind für andere Menschen, für andere Geschmacksgruppen (... und) die davon ausgehen, dass ihre eigene Gemütlichkeit so unmittelbar nach außen attraktiv sein müsste. Was aber gerade das Gegenteil bewirkt. Es herrschen regelrechte Ekelschranken zwischen einigen Kirchengemeinden und den religiös suchenden Menschen.“

Angesichts solcher ernüchternder Befunde müsste eine ambitionierte Medienpastoral Ansatzpunkte liefern, wie der schmal gewordene Gesichtskreis kirchli­cher Restmilieus geweitet und der Blick für neue, zukunftsfähige Gestaltungsformen des Christlichen geschärft werden können. Die zweite medienpastorale Option lautet daher: Christliche Gemeinden sollten durch die Art und Weise ihrer (Re-)Präsentation zu milieuübergreifenden Kommunikationsorten werden.

Autor: Ludger Verst
Dokument erstellt am 08.03.2004
Erscheinungsdatum 08.03.2004

Weitere Artikel:

1. Einführung: Der "dramatische Bruch zwischen Evangelium und Kultur"
2. Zwischenräume überraschender Gottesgegenwart
3. Von der Verlautbarung zur Kommunikation
4. Neu-Inszenierung des Evangeliums in meiner Welt
5. Der Kommunikationsstil der Kirche
6. Als ob das Evangelium ein publizistischer Dauerknüller wäre
7. Das Evangelium in die zeit­genössische Erlebniskultur übersetzen
8. Kommunikation mit den „treuen Fernstehenden“
9. Das Projekt Medienpastoral
10. Das medienpastorale Engagement im Überblick
 
 
Der Autor:
Ludger Verst (44), Theologe, Journalist, Ausbildungsleiter in der katholischen Journalistenschule ifp in München; für verschiedene
Radio- und Fernsehsender tätig; seit 2000 zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Kirche und Öffentlichkeit" an der Universität Kassel.

Weiterführende Links:

>>> Radio-Beiträge aus der Zeit des Medienprojekts

>>> TV-Beiträge aus der Zeit des Medienprojekts

 

   
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