Aktuelles | Kirchen-Datenbank | Stellenmarkt | Impressum  
  Diskussions-Forum | Buch.Shop | E-Mail-Adressbuch | URL-Tauschbörse  


10 Folgen
zum Thema Medienpastoral.

 

aus dem neuen Buch:

Ludger Verst
Medienpastoral -
Bericht über ein Projekt.

167 S., 12,5 x 20,5 cm, Paperback
Verlag Butzon & Bercker
ISBN 3-7666-0373-6

5. Folge:
    Der Kommunikationsstil der Kirche ist harmoniesüchtig

Medienpastoral setzt auf mündige Christen, die ihren Medienkonsum,
ihr Dabeisein via Medien nicht verwechseln mit dem christlichen
(Dauer) - Auftrag des Dazwischenfunkens. Als medienkompetente Zeitgenossen sind sie u.a. dort gefragt, wo in den Programmen vor allem elektronischer Medien Entbehrliches zelebriert, Entscheidendes aber gerne ausgeblendet wird.

Medienkompetent ist, wer sich eine kritische Sicht der Dinge aneignet durch eigenverantwortliche Medienrezeption und -produktion. Konkret heißt das: ·

>
Medienbotschaften durchschauen, Inhalte selektieren und filtern können · Nutzungskompetenz erwerben
>
Wann benutze ich welches Medium und wie? ·
>
Sich ausdrücken können durch Medien; Produktionsabläufe kennen
>
"neuen" Medien gegenüber aufgeschlossen und neugierig sein
>
durch Medien auf vielfältige Art und Weise Beziehungen knüpfen wollen

Medienkompetenz steht inzwischen im Rang einer unverzichtbaren Kulturtechnik. Sie ist eine Voraussetzung für die noch umfassendere Fertigkeit "Kommunikationskompetenz". Die Glaubwürdigkeit kirchlicher Kommunikation hat in hohem Maße zu tun mit kommunikativer Kompetenz, zum Beispiel offen und adressatengerecht zu informieren, Konfliktthemen im Dialog mit den Beteiligten zielgerichtet zu bearbeiten und den christlichen Glauben in möglichst vielfältigen Formen und Anmutungen im Gespräch der Öffentlichkeit aufleben und dadurch als (er-)lösende Kraft spürbar werden zu lassen.

Medienkompetenz ist ablesbar an konkreten Formen der Kommunikationsgestaltung. Hier steht die Kirche als publizistisches Medium in der Pflicht. "Die Christen haben tatsächlich eine Verantwortung, sich in allen Kommunikationsmedien in freier Initiative zu Wort zu melden. Ihre Aufgabe beschränkt sich nicht bloß auf die Verbreitung kirchlicher Meldungen." (Pastoralinstruktion Aetatis novae, Nr. 8) Wird die Kirche ihren Aufgaben publizistisch gerecht? Geht sie nicht selbst vielfach zu kärglich mit dem reichen Repertoire ihrer Tradition an Sätzen, Bildern und Symbolen um? Warum benutzt sie diese oft nur schwerfällig und halbherzig in einem Stil, der bloß niemandem wehtun will? Wer in der Masse von Informationen heute durchdringen will, braucht starke Anstöße und Bilder, die beim ersten Hinsehen ‚sitzen', weil sie an Vertrautes erinnern, zumindest aber überraschen und neugierig machen. Nicht um des Neugierig-Machens willen, sondern aus der missionarischen Notwendigkeit, das Skandalon des Kreuzes Jesu Christi nicht unter Wert als laue Botschaft zu ‚verkaufen'.

Man muss den berühmt-berüchtigten Ex-"Benetton"-Fotografen Oliviero Toscani nicht zum Propheten zeitgenössischer Medienpraxis erklären, um aus dem Aufmerksamkeitsprinzip der von ihm bebilderten Werbekampagnen Entscheidendes zu lernen. Ölverschmierte Seevögel, erschossene Mafia-Opfer, blutdurchtränkte Soldatenhemden aus dem Kosovo-Krieg, siechende Aids-Kranke oder Neugeborene, noch an der Nabelschnur - was vordergründig als kühl kalkulierte Skandalwerbung von und für Benetton in Erscheinung tritt, lässt sich hintergründig-strategisch als Kommunikation verstehen, die "auch etwas anderes vermitteln kann als diese Schmierenkomödien vom Glück" (Toscani). Wo und wann ist im Zusammenhang mit Mode und Konsum lebhafter, kontroverser über Umweltschutz, Menschenrechte, Leben und Tod gestritten worden als in Auseinandersetzung mit diesen Bildern? Toscani hängt Werbeplakate als "moderne Ikonen" in Fußgängerzonen.

Und die Kirche? Warum wirken die von ihr approbierten (Sprach-) Bilder dagegen blass, nichts sagend, irrelevant? Der Kommunikationsstil der Kirche ist überaffirmativ und harmoniesüchtig. Ein cantus firmus, der sich angesichts von zweitausend Jahren Kirchengeschichte nur selten aus dem Rhythmus bringen lässt. "Als Jesus und seine Agentur ‚Die Apostel' die größte Kommunikationskampagne aller Zeiten entwickelten, geschah das eben nicht mit einer respektvollen und Glück verheißenden Bilderwelt. Ganz im Gegenteil! In diesem Clip findet sich einfach alles wieder, was die Werbung verachtet: Ein nackter Mann, der an ein Kreuz genagelt ist, (...) Umarmung von Aussätzigen, überall Menschen im Elend, abstoßende Kranke, eine Geburt in einem Viehstall inmitten von Tierscheiße, Stunden beispielloser Qualen, Blut, das unter Hammerschlägen hervorspritzt, der Schmerz einer Mutter an der Seite ihres sterbenden Sohnes. (...) Die Jesus-Geschichte beschönigte weder die Leiden noch die Gewalt in der Welt. Sie machte keine Konzessionen an das Sicherheitsbedürfnis ihres Publikums. Sie lancierte die erste große organisierte Kampagne der Geschichte, und dabei wurde eben nicht auf sofortigen Gewinn abgezielt, und es wurden auch nicht die Qualitäten des Produktes direkt angepriesen: das Reich Gottes (...). Sie erzählt uns von der Erlösung und der ewigen Glückseligkeit und verheißt uns dies durch einen gekreuzigten Mann im blutigen Lendentuch, nicht durch Claudia Schiffer im Chanel-Höschen. Und diese Kampagne ist seit zwei Jahrtausenden Teil der kollektiven Vorstellungswelt." (Oliviero Toscani: Die Werbung ist ein lächelndes Aas. Mannheim 1996, S. 131f.)

Autor: Ludger Verst
Dokument erstellt am 02.02.2004
Erscheinungsdatum 02.02.2004

Weitere Artikel:

1. Einführung: Der "dramatische Bruch zwischen Evangelium und Kultur"
2. Zwischenräume überraschender Gottesgegenwart
3. Von der Verlautbarung zur Kommunikation
4. Neu-Inszenierung des Evangeliums in meiner Welt
5. Der Kommunikationsstil der Kirche
6. Als ob das Evangelium ein publizistischer Dauerknüller wäre
7. Das Evangelium in die zeit­genössische Erlebniskultur übersetzen
8. Kommunikation mit den „treuen Fernstehenden“
9. Das Projekt Medienpastoral
10. Das medienpastorale Engagement im Überblick
 
 
Der Autor:
Ludger Verst (44), Theologe, Journalist, Ausbildungsleiter in der katholischen Journalistenschule ifp in München; für verschiedene
Radio- und Fernsehsender tätig; seit 2000 zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Kirche und Öffentlichkeit" an der Universität Kassel.

Weiterführende Links:

>>> Radio-Beiträge aus der Zeit des Medienprojekts

>>> TV-Beiträge aus der Zeit des Medienprojekts

 

   
© 1995-2004 www.kath.de