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10 Folgen
zum Thema Medienpastoral.

 

aus dem neuen Buch:

Ludger Verst
Medienpastoral -
Bericht über ein Projekt.

167 S., 12,5 x 20,5 cm, Paperback
Verlag Butzon & Bercker
ISBN 3-7666-0373-6

4. Folge:
    Neu-Inszenierung des Evangeliums in meiner Welt

Die kirchliche Bewertung medialer Kommunikation ist immer noch dadurch geprägt, dass die authentische religiöse Mitteilung in der Primärerfahrung der unmittelbaren Interaktion vermutet wird - im direkten Gespräch zwischen leibhaft Anwesenden. Katholisch wie evangelisch resultiert daraus eine starke Akzentuierung einer Kultur der Rede und des Gesprächs gegenüber einer weniger geeignet scheinenden Kommunikation vornehmlich durch Bilder.

Eine solche Sicht geht davon aus, dass Medienkommunikation - auch dort, wo sie sozusagen "inter-aktiv" wird - die direkte personale Interaktion durch eine indirekte, technisch vermittelte ersetzt. Das unterstellt, dass das Ersetzte (also die Kommunikation mit einem leibhaftigen Gegenüber) im Grunde besser, anspruchsvoller, menschlicher wäre. Und dass das, was Zeitung, Hörfunk und Fernsehen vermitteln, durch direkte zwischenmenschliche Kommunikation eigentlich besser, zumindest ebenso präzise, umfassend und anschaulich geleistet werden könnte.

Niemand aber will ernsthaft - und schon gar nicht grundsätzlich - Gespräche mit konkreten Menschen an konkreten Orten durch mediale Kommunikationsformen ersetzen. Die Zahl persönlicher Kommunikationsforen nimmt in einer Mediengesellschaft eher zu, nicht ab. Häufig sind medial hergestellte Kontakte der Anlass für persönliche Anschlusskommunikationen. Inszenierte, auch virtuell inszenierte Welten beeinträchtigen nicht von sich aus die menschliche Wirklichkeitswahrnehmung. Auch inszenierte Welten sind reale Welten. Ein angemessenes Bild von sich selbst und der Welt gewinnen Menschen nicht nur auf Grund leibhaftiger Sozialkontakte und direkter persönlicher Interaktionen. Gerade die Kommunikation des Evangeliums ist eine mediengestützte Imaginationsleistung. Ich versetze mich via Bibel in die hebräische Welt des Jesus von Nazareth. Meine Sicht auf sein Leben ist der Versuch einer Neuinszenierung jesuanischer Wirklichkeit in meiner Welt.

Kirchliche Medienkommunikation könnte - neben anderen Funktionsbestimmungen - als Inszenierung des Evangeliums verstanden werden, als medialer Transfer biblischer ‚Text'-welt in konkrete ‚Alltags'-welt. Das hieße Abschied nehmen vom so genannten Repräsentationsmodell, von der Auffassung nämlich, dass die Bedeutung von Zeichen und Texten gewissermaßen ‚hinter' diesen verborgen liege und lediglich freigelegt werden müsse durch verbale Interpretation. Eine solche Gottesrede missversteht sich als 'Offenbarung' der eigentlichen, wahren Bedeutung der biblischen Texte und damit letztlich des Gotteswortes selber. Doch was 'hinter' Zeichen und Texten liegt, sind wieder Sprachwelten. Aus ihnen kommen wir gar nicht heraus.

Bedeutung ist nicht etwas, was hinter oder tief in den Sätzen der Sprache steckt, sondern etwas, das sich ereignet, wenn unterschiedliche Sätze aufeinanderstoßen, Texte in Kontexte geraten und so Bedeutung erlangen. Kirchlich von Gott reden ist so nicht länger ein autoritativer Vorgang der Textauslegung, sondern wird zum dynamischen Ereignis zwischen den drei Polen Text/Akteure/Gemeinde: als kommunikative Gottesrede. Sie macht dabei Gebrauch von modernen Darstellungsformen: Brechungen, Collage, Montage, Fragment. Dies zielt auf eine Vervielfältigung der Gespräche über Gott und mit Gott, ohne immer gleich ein Bekenntnis oder gar das ganze Credo liefern zu wollen. So verstandene Pastoral geht an die Grenze des Zumutbaren. Sie sucht nach geeigneten, mitunter auch
(ver-)störenden Bildern und Tönen, die von der An- und Abwesenheit Gottes zeugen

Autor: Ludger Verst
Dokument erstellt am 27.02.2004
Erscheinungsdatum 27.02.2004

Weitere Artikel:

1. Einführung: Der "dramatische Bruch zwischen Evangelium und Kultur"
2. Zwischenräume überraschender Gottesgegenwart
3. Von der Verlautbarung zur Kommunikation
4. Neu-Inszenierung des Evangeliums in meiner Welt
5. Der Kommunikationsstil der Kirche
6. Als ob das Evangelium ein publizistischer Dauerknüller wäre
7. Das Evangelium in die zeit­genössische Erlebniskultur übersetzen
8. Kommunikation mit den „treuen Fernstehenden“
9. Das Projekt Medienpastoral
10. Das medienpastorale Engagement im Überblick
 
 
Der Autor:
Ludger Verst (44), Theologe, Journalist, Ausbildungsleiter in der katholischen Journalistenschule ifp in München; für verschiedene
Radio- und Fernsehsender tätig; seit 2000 zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Kirche und Öffentlichkeit" an der Universität Kassel.

Weiterführende Links:

>>> Radio-Beiträge aus der Zeit des Medienprojekts

>>> TV-Beiträge aus der Zeit des Medienprojekts

 

   
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