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10 Folgen
zum Thema Medienpastoral.

 

aus dem neuen Buch:

Ludger Verst
Medienpastoral -
Bericht über ein Projekt.

167 S., 12,5 x 20,5 cm, Paperback
Verlag Butzon & Bercker
ISBN 3-7666-0373-6

2. Folge:
    Zwischenräume überraschender Gottesgegenwart

"Religion" in Form einer kirchlich bindenden und verbindenden Lebens- und Weltdeutung ist allenthalben auf dem Rückzug. Das Erscheinungsbild des Christlichen in den Medien unterstreicht diese Tendenz. Befreit von institutionellen Vorgaben sind Religion und Gottesglaube gesellschaftlich weithin unsichtbar geworden. Wer stellt heute noch öffentlich die Frage nach Gott?

Zwischen den Bildern

Zwei befreundete Geschäftsleute haben den Bilderbuch-Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft. Die öffentliche Meinung ist schnell bei der Hand mit dem Argwohn, welche Eigenschaften für eine solche Karriere erforderlich sind: Rücksichtslosigkeit gegenüber Schwächeren, Egozentrik usw. Nun haben die beiden ihre Porträts in Öl malen und in der städtischen Galerie nebeneinander aufhängen lassen. Ein zur Vernissage eingeladener Kunstkritiker soll die Bilder gebührend loben. Dieser aber deutet bloß auf den freien Raum zwischen den beiden Bildern und fragt: " Wo ist der Heiland? "

Die Anekdote, die ein Anglistikprofessor aus Bayreuth erzählt hat, macht nicht viele Worte. Da sind zwei Geschäftsleute und zwei Porträts, ein Kunstkritiker und Gäste. So etwas kommt vor. Nichts deutet in der Vernissage auf den "Heiland" hin. Inkognito kommt er hinzu. Während die Gäste sich um die Porträts der Neureichen scharen, lässt der Festredner ihn herein - mit einer bloßen Frage: "Wo ist der Heiland?" Die Bedeutung der Porträts kann offensichtlich nicht aus den Bildern allein erschlossen werden. Der freie Raum zwischen den Bildern lässt den Kunstexperten an die Kreuzigungsszene auf Golgotha denken. Die hat er als Kenner abgespeichert: links der eine Schächer, rechts der andere. Und dazwischen der Heiland. - Komisch nur, dass der hier fehlt

Die Anekdote ist eine Gottesgeschichte der Mediengesellschaft. Auch in ihrem Bilderprogramm deutet (fast) nichts auf den Heiland hin. Das Publikum versammelt sich um reichweitenstarke Action-Programme. Explizit christliche Themen werden rudimentär oder als kulturelle Versatzstücke in Szene gesetzt. Sie sind zur musealen Ausstellung, touristischen Besichtigung oder kulturellen Zitation freigegeben, aber ohne Belang. Wer vermisst hier den Heiland? Wer stellt in bedeutenden öffentlichen Situationen noch die Frage nach ihm?

Eine Christus kommunizierende Kirche wird diese Frage stellen und wach halten wollen. Sie wird dazu in die großen und kleinen kommunikativen Szenarien der Gesellschaft hineinsehen und -horchen müssen, um in der Fülle ihrer Bilder und Töne Frei- und Zwischenräume überraschender Gottesgegenwart zu entdecken. Auf den freien Raum zwischen den Bildern zu deuten hieße praktisch: die ambivalenten Mythen der Mediengesellschaft auf ihre unausgeschöpften Möglichkeiten, ihren anthropologischen und spirituellen Kern hin transparent zu machen. Es hieße zudem den Blick zu schärfen für all das, was ohne und außerhalb des kirchlichen Bereichs aus der dem Evangelium innewohnenden Kraft Gottes lebendig ist.

Autor: Ludger Verst
Dokument erstellt am 17.02.2004
Erscheinungsdatum 18.02.2004

Weitere Artikel:

1. Einführung: Der "dramatische Bruch zwischen Evangelium und Kultur"
2. Zwischenräume überraschender Gottesgegenwart
3. Von der Verlautbarung zur Kommunikation
4. Neu-Inszenierung des Evangeliums in meiner Welt
5. Der Kommunikationsstil der Kirche
6. Als ob das Evangelium ein publizistischer Dauerknüller wäre
7. Das Evangelium in die zeit­genössische Erlebniskultur übersetzen
8. Kommunikation mit den „treuen Fernstehenden“
9. Das Projekt Medienpastoral
10. Das medienpastorale Engagement im Überblick
 
 
Der Autor:
Ludger Verst (44), Theologe, Journalist, Ausbildungsleiter in der katholischen Journalistenschule ifp in München; für verschiedene
Radio- und Fernsehsender tätig; seit 2000 zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Kirche und Öffentlichkeit" an der Universität Kassel.

Weiterführende Links:

>>> Radio-Beiträge aus der Zeit des Medienprojekts

>>> TV-Beiträge aus der Zeit des Medienprojekts

 

   
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