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Die Passion Christi:

Jesus bei Mel Gibson – Kein Sunnyboy, aber nahe bei den Menschen

Aus dem Inhalt:

Leidensmystik für Kinobesucher
Subjektives Erleben der Einzelnen
Subjektive Deutung durch Rückblenden
Charakterstudien bei dem Mitakteuren
Theologische Bewertung

Eines hat der neueste Film über die letzten 12 Stunden des Lebens Jesu bereits geleistet: Er hat die Gemüter ergriffen. Angeregt und emotional kommen sowohl Zustimmung und Abneigung als auch dezidiert und grundsätzlich vorgetragene Distanz zu einem derartigen Film überhaupt zur Sprache. Der Film ist beachtenswert, da sich Kritiker und Befürworter nicht einfach in das konservative oder rechte und progressive oder linke Spektrum einordnen lassen. Er scheidet die Geister anders als es sonst bei religiösen Themen der Fall ist. Er ist gewissermaßen ein zweischneidiges Schwert. Auf einer Seite schneidet es auf jeden Fall – und zwingt zu einer Stellungnahme, die nur schwerlich vorgefertigt aus der Reserve zu ziehen ist. Der Film provoziert und wirkt durchaus abweisend, weil er das Skandalum des Leidens und Kreuzes Jesu, das durch die Jahrhunderte christlicher Kultur teilweise entschärft ist, taufrisch auf den Tisch holt. Und der Film spricht an, er betrifft die Menschen und interessiert sie. Er ist unter rein wirtschaftlichem Blick betrachtet ein Erfolg.

Bereits an dieser Stelle fordert der Film die Theologie, vor allem die praktische, aber auch die biblische und die systematische, heraus. Er beweist, dass die biblische Botschaft durchaus auch heute im Stande ist, Menschen, viele Menschen, ja Massen zu bewegen. Dabei tut er dies anders als viele Christusverkünder es erwarten möchten. Er präsentiert keine „frohe Botschaft“ im vielfach gängigen Sinn mit einem sympathisch leichten Jesus-Sunnyboy, der keinem weh tut, für alle eine Zuckerstückchen übrig hat und selbst im Tod noch die Fassung bewahrt, da ja alles, wegen der Auferstehung, nicht so schlimm ist. Der Jesus ist auch nicht monumental oder gesellschaftskritisch-politisch wie die Jesusfigur anderer Filme, noch wirkt er asketisch oder erhaben, aber er leidet, übermäßig.

An dieser Stelle setzt die bereits geäußerte theologische Kritik an. Zuviel Leid, Schmerz und Blut werde dem Zuschauer zugemutet, in die Realismusfalle sei Mel Gibson geraten, die von der Begegnung mit dem Auferstandenen her konzipierte Sicht der Evangelien komme nicht zum tragen, ja, der ganze Film eigentlich überflüssig. So flach wie viele seiner Kritiken ist der Film jedoch nicht. Der Film fordert heraus, mehr und anders als bisherige Jesus-Filme. Er lässt sich nicht in die bisherigen Schemata von Jesusfilmen einordnen. Er provoziert schon dadurch, dass er sich, wie der Titel sagt, auf die Darstellung der Passion beschränkt. Dies erzeugt Widerstand. Mag der Vorwurf der Judenfeindlichkeit für einen Jesus-Film, insofern er sich einigermaßen an den biblischen Grund hält, noch fast zu erwarten sein (und insofern darf er auch als entkräftet gelten, denn Jesus war selbst Jude und hatte unter den Juden seine Anhänger), so ist es ungewöhnlich, dass ein Jesusfilm wegen der Heftigkeit der Darstellung der Folterszenen erst für Betrachter ab 16 freigegeben ist.

Der Film bedient sich filmsprachlicher Mittel, die zeitgemäß sind. Er zeigt keinen Stil, der ihn vorneweg dem Genre „Katechese-Film“ zuordnet, wie dies beispielsweise bei Zefirelli ´s „Jesus von Nazareth“ festgestellt werden könnte. Kann aber ein Film wie „The passion of Christ“ überhaupt Tiefgang haben? Oder bleibt er an der Oberfläche, mit billigen Mitteln die Gemüter erregend? Wie aber gelingt es, mit einer so „abgegriffenen“ Erzählung so viele Menschen anzusprechen und betroffen zu machen? Kann ein Film, der sich der Mühe der lateinischen und aramäischen Sprache und der muttersprachlichen Untertitel aussetzt, vorab der billigen Effektheischerei verdächtigt werden? Theologische Kritik eines aus dargelegten Gründen beachtlichen und umstrittenen Filmes sollte sich nicht dem Verdacht der Oberflächlichkeit oder gar der Arroganz aussetzen. Sie hat einerseits ihre Aussagen an dem Werk selbst zu belegen und andrerseits ihre theologischen Positionen zu erläutern.

Leidensmystik für Kinobesucher

Die Zuschauer bleiben nach diesem Film länger auf den Kinostühlen sitzen und sind verhaltener als sie dies im Allgemeinen bei Filmen tun, die für Zuschauer ab 16 Jahren freigegeben sind. Die Betroffenheit und Nachdenklichkeit im Kino sind zu spüren. Dem Zuschauer wird nicht nur die detailliert wiedergegebene Darstellung einer Hinrichtung zugemutet. Er wird in das subjektive Erleben der Figuren involviert, auch in das Erleben von Jesus selbst. Dem Film gelingt es mit beachtlicher Macht und Kraft, die Zuschauer ins Miterleben mit den Figuren zu verwickeln – mit durchaus unterschiedlichen Wirkungen. Hier greift er in cineastischer Sprache eine Tradition auf, die in der christlichen Kultur bereits vorhanden ist: Die Leidens- oder Kreuzesmystik. Dabei involviert der Film sowohl Betrachter, die biblisch-theologische Vorkenntnisse haben als auch solche, die keine solche haben. Sehr wohl entstehen jedoch für Betrachter, die den Film mit biblisch-theologischem Vorwissen sehen, mehrere und vielschichtigere Bedeutungen als dies sonst der Fall ist. Die subjektiv empfundene Nähe zu Jesus und seine Nachahmung, auch in seinem Leiden, ist in der christlichen Tradition gut belegt. Bei Franziskus, der die Wundmale trug und Ignatius von Loyola, der in seinen Geistlichen Übungen das Mitfühlen mit dem leidenden Christus empfiehlt wird dies ebenso deutlich wie bei Paul Gerhardt, der in dem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ den leidenden Christus bildhaft vor Augen führt. Zu nennen wäre Anna-Katharina Emmerich, auf die sich Mel Gibson ausdrücklich bezieht, und Pater Pio aus dem letzten Jahrhundert. Es gibt genügend Beispiele auch bei gegenwärtigen Christen, wo menschliches Leiden als Christusnachfolge und Christusidentifikation angenommen wird und psychosomatische Effekte deutlich werden. Dabei geht es – insofern Christusnachfolge richtig verstanden wird – nicht darum, dunkle masochistische oder gewaltverherrlichende menschliche Neigungen zu bedienen, sondern es geht darum, menschlich empfundenes Leid, oft verursacht durch unmenschliche Rücksichtslosigkeit, ja tierische Bluthatz, wie sie im letzten Jahrhundert in politischen Ideologien und in diesem Jahrhundert bereits durch brutalsten Terror geschichtlich wurden, im Blick auf die Leiden Jesu Christi durch Sinnerfüllung erträglich und besiegbar zu machen. Dabei ist der Sieg über das Leiden so verstanden, dass der Einzelne angesichts des Schmerzes nicht resigniert, sondern seinem Auftrag treu bleibt, bzw. nicht blinde Vergeltung als einziges Reaktionsmuster gelten lässt. Der Film ist ein beachtlicher Versuch, diese Leidensmystik in der Kinosprache unter die Menschen zu bringen. Die hierfür verwendeten filmsprachlichen und kompositorischen Mittel, die wirksam eingesetzt werden, verdienen eine genauere Betrachtung. Hier soll versucht werden, zunächst die Aussagen und Wirkungen des Filmes zu analysieren und diese dann theologisch zu bewerten.

Subjektives Erleben der Einzelnen

Jede Beschäftigung mit den Evangelien bedeutet eine Interpretation derselben, ebenso wie schon die Evangelien selbst Interpretationen des Lebens und Leidens Jesu im Kontext der nachösterlichen Glaubensgenese darstellen. Deshalb sind sowohl die historisch-kritische Exegese ebenso wie auch die Leidensmystik verschiedene Arten und Weisen neben anderen, die Evangelien zu interpretieren. Für eine theologische Bewertung eines solchen Unterfangens muss gelten, dass der theologische Beobachtungspunkt, von dem aus Bewertungskriterien erhoben werden, hinreichend ausgewiesen wird. Andernfalls setzt sich der Kritiker dem Verdacht aus, dass er den eigenen Denk-und Kulturhorizont als den einzig möglichen betrachtet - und dies ist mit Sicherheit ein Irrtum. Christliche Leidensmystik besteht vor allem aus Bildern, subjektiven Bildern vom objektiven Geschehen des Leidens Christi, das in der geschichtlichen Unschärfe seiner Überlieferung Platz für persönliche Vorstellung bietet. Leidensmystik bedeutet, dass sich der Einzelne in seinem eigenen Empfinden von Schmerz, gleich ob physischer und seelischer Art, mit dem Leiden Jesu Christi identifiziert. Solche Erlebnisse sind freilich subjektiv und nicht übertragbar, aber deshalb, insofern sie nicht leidensverliebt oder masochistisch gefärbt sind, nicht weniger authentisch.

Der Film betont die Subjektivität und bringt sie so ins Bild, dass sie vom Zuschauer nachempfunden werden kann. Der Zuschauer wird in das subjektive Erleben der einzelnen Figuren geradezu hineingezogen. In Jesu Subjektivität wird der Zuschauer, nicht gerade leicht verdaulich, gleich zu Beginn des Filmes bei der Begegnung mit dem androgynen Versucher am Ölberg hineingezogen. Für einen kurzen Moment ist eine kleine züngelnde Spitze in der Nase des Versuchers zu sehen, die sich, nach einigen Sekunden der ekelerregenden Ungewissheit, während die Kamera im Versucher entlang nach unten schwenkt, als Schwanz der Schlange erklärt. Sie kriecht bedrohlich unter dem Kleid des Versuchers hervor zu Jesus. Der bedrohliche Ekel, den Jesus beim Anblick des Versuchers empfindet, kommt durch die Schlange in der Nase des Satans zum Ausdruck. Die Kamera zeigt Jesu subjektiven Blick auf den Versucher. Die darauf folgende Szene zeigt Jesus ohnmächtig am Boden, die Schlange bewegt sich auf ihn zu. Der Blick der Kamera ist nun nicht mehr der subjektive Blick Jesu, sondern die beobachtende Position des Zuschauers. Aus dieser beobachtenden Perspektive wird die Wirkung deutlich, die der Versucher durch seine ekelerregende Imposanz bewirkt: Jesus liegt erschöpft am Boden, dem Biss der Schlange ausgeliefert. Doch Jesus richtet sich auf und zertritt, plötzlich und wider alles Erwarten in einem Moment der Macht, mit seinem Fuß die Schlange. Der Zuschauer erwartet nicht Jesu Reaktion. Er wird in das psychische Erleben Jesu hineingezogen – und von ihm überrascht. Die Versuchung besteht darin, dem Leiden zu entfliehen. Jesus stellt sich aber dem nun beginnenden Leiden und resigniert nicht vor der vom Versucher suggerierten Ausweglosigkeit des Leidens: Er zertritt die Schlange mit akustisch gesteigertem dumpfem Tritt.

Dieser zu Beginn eröffnete innere Konflikt Jesu zieht sich hin bis zu seinem Tod. Die beiden Pole des Konfliktes, durchhalten oder aufgeben, werden von zwei Personen repräsentiert. Jesu subjektiver Blick wechselt zwischen Maria, seiner Mutter, und dem Versucher. Dabei bestärkt ihn der Blick auf Maria, das Leidenswerk zu Ende zu bringen, während der Versucher beim Kreuzweg mitschleicht, wohl um ihn doch noch von der Ausweglosigkeit seines Unterfangens zu überzeugen. Der Versucher steht dafür, dass das Erlösungswerk durch Ertragen ungerechten Leidens nicht zu erreichen ist. Durch häufige Großaufnahmen werden subjektive Wahrnehmungen vermittelt, die durch Mimik und ausdruckstarke Gesichter in den einzelnen Figuren ausgelöst werden. Eine weitere filmsprachliche Möglichkeit, das subjektive Erleben Jesu darzustellen, ist die subjektive Kameraführung. Eine Einstellung zeigt beispielsweise die Füße der Vollstrecker, auf dem Kopf stehend, so wie Jesus sie sieht, als er mit nach unten hängendem Kopf nach der Geißelung weggetragen wird.

Subjektive Deutung durch Rückblenden

Ein weiteres Mittel, um in das Denken und Fühlen der Figuren zu blicken, sind die Rückblenden. Menschen verstehen ihre Erlebnisse in der Gegenwart in engem Zusammenhang mit ihren Erinnerungen an Erlebtes in der Vergangenheit. Die Erinnerung Marias, die bei einem Fall Jesu unter dem Kreuz entsteht, wird in einer Rückblende vermittelt. Sie erinnert sich, wie sie dem Kind Jesu zu Hilfe eilte, als es auf einem ansteigenden Weg zu Fall kam. Aus dieser Rückblende erklärt sich Marias Selbstverständnis bei der Kreuzigung. So wie sie dem Kind Jesu half, die Treppe zu besteigen, so will sie dem Sohn jetzt Hilfe sein, den Anstieg zu Kreuzigung zu schaffen. Hilfe auf dem Weg zur Hinrichtung durch die eigene Mutter, dies mutet pervers an, wenn es losgelöst von Jesu Selbstverständnis seines Leidens und Todes betrachtet wird.

Jesu eigenes Verständnis, seine Deutung seines Todes wird in den Rückblenden deutlich, die in die Kreuzigungsdarstellung eingefügt sind. Der Film blendet zurück in den Abendmahlsaal, wo Jesus mit den Jüngern versammelt war. Jesu Deuteworte für sein Leiden „Das ist mein Leib, das ist mein Blut, hingegeben für euch“, gesprochen von ihm im Abendmahlsaal, noch bevor das Leiden sich ereignete, werden durch die Rückblenden unmittelbar mit dem Geschehen am Kreuz verbunden und in Erinnerung gerufen. Damit bringt der Film mit eindringlicher Deutlichkeit Jesu Entschiedenheit und Jesu Selbstverständnis seines Leidens und seines Todes zum Ausdruck. Das Verständnis seines Leidens stand für ihn fest, bevor das Leiden eintrat. Für die Menschen versteht er sein Leiden, ohne eigne Schuld, dem eingangs des Filmes eingeblendeten Zitat aus dem Propheten Jesaja entsprechend.

Charakterstudien bei dem Mitakteuren

Obwohl der Film mit sehr wenig Worten auskommt, oder vielleicht gerade deshalb, werden einzelne Charaktere des Filmes mit erstaunlicher Klarheit gezeichnet, so dass sie zur Auseinandersetzung einladen.

Es entsteht ein Bild des treuen und stillen Jüngers in der Gestalt des Johannes. Diesen den Ereignissen mit Schweigen und erstauntem Blick folgenden Jünger setzt Jesus am Kreuz, ausgefeilt dargestellt, an seiner Stelle als Sohn bei seiner Mutter ein. Petrus erscheint als Opfer seines eigenen Eifers und verstrickt sich in Widersprüche. Während er mit Gewalt Jesus verteidigt, so will kurz darauf angesichts der tobenden Masse Jesus nicht mehr kennen. In seinen Tiefenschichten jedoch steht er zu Jesus und bereut über seinen Verrat. Eine für das Geschehen tragende Rolle kommt ihm nicht zu. Judas lässt sich von den dreißig Silberlingen dazu verlocken, an der Verhaftung Jesu mitzuarbeiten. Er bemerkt, dass die Ereignisse seine Absichten überrollen und sieht, eingeladen von einem verwesenden Esel, im Selbstmord das kleinere Übel im Vergleich zum Weiterleben in dem Bewußtsein, einen Unschuldigen ausgeliefert zu haben. Ein interessante Entwicklung ist in Simon von Cyrene zu beobachten. Der anfänglich mehr als verständliche Widerstand, Jesus beim Kreuztragen zu helfen, wandelt sich in Mitleid und Sympathie. Er widersetzt sich den Römern, die auf Jesus, der am Boden liegt, einschlägt und ermuntert Jesus, den Weg vollends zu gehen.

Maria, die Mutter Jesu, zeigt sich als stille Mitwisserin von Jesu Auftrag. Ihre mehr als verhaltenen Reaktionen angesichts eines unmenschlich leidenden Sohnes lassen sich nur dadurch erklären, dass sie von Jesu Auftrag Kenntnis haben muss, dahinter einen tieferen Sinn sieht. Insgesamt wirkt sie als wandelndes Geheimnis. Der Film erklärt nicht, wo ihre Kraft, solch unmenschliche seelische Qual zu ertragen, herkommen könnte. Pilatus ist der Mächtige und Wankelmütige ohne eigene Meinung. Er ist zwischen dem aufdringlichen Kaiaphas, der Jesu Tod will, und seiner Frau, die im Film eine eigenartige Jesus-Sympathie zeigt, hin- und hergerissen. Er gibt sich schließlich der Seite nach, die aufdringlicher ist und lauter schreit. In seinem Handeln spielt die Wahrheit keine Rolle. Dabei stellt doch gerade Pilatus die Frage: Was ist Wahrheit? Die römischen Soldaten haben den Verstand abgeschaltet. Sie gehorchen blind den Befehlen und lassen dabei ihren niedersten Instinkten freien Lauf. Sie erliegen einer unmenschlichen Lust, einen Wehrlosen zu quälen. Der einzige, der vorsätzlich und nachhaltig Jesu Tod will, ist Kajaphas. Er ist mit allen Ettiketten der Anti-Sympathie versehen. Er wirkt klein, jähzornig und boshaft, er widersetzt sich jeder Anwandlung von Mitleid angesichts des übermäßig geschundenen Jesus nach der Geißelung und überrascht durch Unmenschlichkeit und Hohn. Eine Innensicht des Kajaphas, d. h. eine Antwort auf die Frage, was ihn zu dieser Bosheit treibt, vermittelt der Film nicht. Dabei ist zu bemerken, dass eine homogene, negative Sichtweise auf „die Juden“ in dem Film nicht vermittelt wird, lediglich die Rolle des Kajaphas ist eindeutig negativer als alle anderen angelegt.

Theologische Bewertung

Der Film ist ein Kunstwerk und der Künstler genießt seine künstlerische Freiheit. Er wählt die filmische Darstellung des Leidens Christi auf der Grundlage der Evangelien unter Berücksichtigung von Berichten, die auf persönlich-mystische Erfahrungen von Einzelpersonen zurückgehen. Er stellt dem Film mit dem Zitat aus dem 53. Kapitel des Propheten Jesaja einen hermeneutischen Schlüssel voran: Das Leiden Christi wird als Leiden für unsere Sünden verstanden. Er ordnet sich frömmigkeitsgeschichtlich in einen Traditionsstrang ein, der durchgängig bezeugt ist, der aber nie von der breiten Masse weiterentwickelt wurde. Und dies tut er als Filmemacher unserer Zeit. Die Darstellung von Gewalt ist alltäglich, selbst in den Nachrichten, und möglichst real soll sie sein, wir sind schließlich einiges gewohnt. Erfolgsfilme werden solche, weil sie auf irgend eine Weise faszinieren, weil sie Emotionalität bewegen. Mel Gibson scheint zu wissen, wie Filme gemacht sind, die Menschen betreffen. Dabei hat er sich die Aufgabe nicht leicht gemacht. Etwa 1000 Jahre hat die christliche Kunst gebraucht, um Darstellungsformen des Kreuzestodes Jesu zu finden, die den Blick der Gläubigen auf die Erlösung und Auferstehung weiterführen. Eine Kreuzigung ist kein Kavaliersdelikt – und Mel Gibson zerrt dieses Ärgernis hemmungslos auf die Leinwand und nimmt dabei Engführungen und Vereinfachungen in Kauf. Kann, ja darf man das?

Filme, gute Filme, bringen die Menschen selbst auf die Leinwand, sie halten einen Spiegel vor und tun dies so, dass der Betrachter emotional bewegt wird. Sie bringen die Menschen dazu, sich über Menschen zu freuen, zu ärgern, Mitleid zu empfinden, Geheimnisse zu verstehen, sich über Menschen zu wundern und zu staunen. Menschen wollen wissen, wer gut und wer böse ist. Die in der Wirklichkeit vorhandene Vielschichtigkeit von Persönlichkeiten ist in einem Film jedoch kaum vermittelbar. Der Film hat zu diesem Zweck mehrere Personen einzuführen, die verschiedene Charaktere aufweisen und verschiedene Handlungsmuster verkörpern.

In dem vorliegenden Film ist es nicht Kajaphas allein, der Jesus Leiden zufügt, so sehr man auch davon ausgehen muss, dass er es täte, wenn er es nur könnte. Aber er kann es nicht, er braucht dafür den Judas, die Römer, den profillosen und haltlosen, aber mächtigen Pilatus ebenso wie die blutrünstig-bestialischen Henker. Wer ist es also, der das Leiden verursacht? Es sind die Menschen, die Menschen insgesamt in ihrer geschichtlichen Verflochtenheit, jede und jeder auf seine Weise, ohne in den meisten Fällen bewusst böses zu wollen. Und es sind wiederum Menschen, die angesichts des Leidens Jesu davonlaufen, verzweifeln, mittragen, ihre Meinung korrigieren, eine Stimmungswandeln vollziehen oder mit ihm leiden. Der Film vermittelt einen Eindruck des Leidens Jesu – sicherlich nicht den einzig möglichen. Aber er verdeutlicht die Möglichkeit, die nach christlichem Verständnis die einzig mögliche ist, das Unheil dieser Welt zu überwinden. Dass unser Heil durch Kreuz und Leiden zur Auferstehung führt und dass dieser Weg durch Jesus Christus eröffnet wurde. Er tut dies mit Eindringlichkeit und holt damit ein Glaubensdatum an die Oberfläche, das gerne vergessen wird.

Freilich tut er dies um den Preis einiger Anstößigkeiten, für die das Prädikat „gefährlich“ jedoch zu weit greift. Man mag schmunzeln über das „reliquienbewusste“ Aufwischen des Blutes bei der Geißelung, das den Frauen Frömmigkeitshaltungen späterer Jahrhunderte unterlegt. Man mag Fragen, ob es notwendig war, den Hohenpriester Kajaphas derart boshaft zu zeichnen. Man mag Fragen, ob der Blick durch den himmelgeweinten Regentropfen auf Golgotha, der ein raffiniertes fish-eye-Panorama eröffnet, gelungen ist oder nicht. Der Film hat eine geprägte christliche Tradition wirkungsvoll und erstaunlich sachgemäß ins Kino gebracht. Er ist weniger traditionalistisch als drastisch in der Vermittlung seiner Botschaft. Er leidet daran, dass Leidensmystik ist nicht jedermanns Sache ist.

Weiterhin enthält der Film mehrere beachtenswerte Aussagen, die sich dem Betrachter mit theologischem Vorwissen erschließen. So wird beispielsweise der Lieblingsjünger Johannes geschildert als einer, der ohne viel Worte zu machen, einfach dabei ist, während Petrus, dem die Himmelreichsschlüssel überreicht wurden, durchaus widersprüchlich ist. Impulsiv und charakterschwach wirkt er, die Geradlinigkeit des Johannes geht im völlig ab

Der Film ist die subjektive Sichtweise des Leidens Jesu aus der Perspektive von Menschen, der selbst die Erfahrung von Leid und Schmerz durchleben mussten und in der Identifikation mit dem Leiden Jesu Trost und Hilfe erfahren haben. Insofern ist bringt er das Evangelium und die Alltagserfahrung von Menschen näher zusammen als manch exegetisch gefiltertes Jesusbild, das ebenso langweilig wie irrelevant ist.

Autor:Theo Hipp
Dokument erstellt am 10.04.2004
Erscheinungsdatum 10.04.2004

 

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