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Die Passion Christi: In seiner Gewaltdarstellung zu dualistisch Die Botschaft des Mel Gibson: ein brutaler Dualismus Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“ spaltet die Öffentlichkeit in den USA und auch in Deutschland schon seit Monaten. Den Höhepunkt des Medieninteresses bildete der Kinostart in den USA (Aschermittwoch) und in Deutschland (18.März): es erschienen täglich – oder sogar stündlich – neue kontroverse Beiträge. Die Diskussion ist teilweise sehr emotional und macht es nicht gerade leicht, sich zu orientieren. Der Film, so sagen die einen, weise antisemitische Tendenzen auf, oder zumindest Ansatzpunkte dazu, und sei übermäßig brutal. Andere verteidigen den Film, feiern ihn fast schon, sehen in ihm keine Anzeichen für Antisemitismus und verweisen in Bezug auf die Brutalität darauf, dass das Leiden Jesu eben brutal gewesen und nicht schönzufärben sei. Seit dem US-amerikanischen Kinostart ist der Vorwurf des Antisemitismus leicht in den Hintergrund gerückt (aber keineswegs entkräftet), statt dessen betonen viele die Brutalität des Films, die sie als sinnlos erachten, und vermissen eine spirituelle und/oder versöhnende Botschaft. Theologisch und filmästhetisch bietet „Die Passion Christi“ viel zu kritisieren. Im Folgenden sollen aber zwei problematische Aspekte des Films herausgegriffen werden: Zum Einen der Antijudaismus oder sogar Antisemitismus, dem der Film durchaus Nahrung gibt. Zum Anderen die Botschaft, die Gibson – von den Evangelien abweichend – aus seinen Quellen formt und die den Bildern in Punkto Brutalität nicht nachsteht. Ein altes Problem, das eng mit der Antisemitismusdebatte zusammenhängt und das in der Diskussion um den Film neu zum Thema wird, ist die Frage nach der Schuld am Tod Jesu. Nicht nur im Film, sondern schon in den Evangelien klingt sie an. Nachfolgende Jahrhunderte leiteten daraus oft eine (den historischen und theologischen Grundlagen keinesfalls gerecht werdende) pauschale Schuldzuweisung an „die Juden“ ab, während „die Römer“ mit erstaunlicher Milde behandelt wurden. Das Problem des Antisemitismus betrifft einen Passionsfilm insofern, als die Darstellung von Juden als Mittäter neue Ansatzpunkte für derartige Pauschalisierungen liefern kann. Solche Ansatzpunkte sind in Gibsons Film zwar nicht explizit, bei genauerem Hinsehen aber doch erkennbar. Die Problematik liegt sicher nicht nur im Film selbst, sondern auch in seiner Rezeption (wie auch in der der Evangelien). Die im Film angelegten „Fährten“ beeinflussen aber die Rezeption, und das tun auch die Äußerungen Gibsons. Die Evangelien bieten Ansatzpunkte für antijüdische Interpretationen. Diese Punkte sind jedoch in einem ganz anderen Kontext zu verstehen als ein nachfolgender Antisemitismus. Die Texte sind von Juden und für Juden geschrieben, und die Spitzen gegen jüdische Machthaber müssen unter anderem im Zusammenhang mit dem Versuch des frühen Christentums, sich gegenüber dem Judentum als eigenständige Religion zu profilieren, gesehen werden. Eine historisch unkritische Lektüre, die die Evangelien als direkte Tatsachenberichte auffasst, verkennt die historischen Umstände ihrer Entstehung und die literarisch-theologische Intention der Texte. Und sie suggeriert, dass eine bestimmte Interpretation keine Interpretation sei, sondern ursächlich mit den entsprechenden Textstellen zusammenhänge. Und mehr noch: die Interpretation wird auch auf den realen historischen Referenten der Texte, also das, was in ihnen dargestellt ist, übertragen. Für den Fall des biblisch begründeten Antijudaismus bedeutet das: Neutestamentliche Aussagen, die antijüdisch interpretierbar sind, werden durch die distanzlose Übertragung in eine andere Zeit an den zu dieser Zeit üblichen Begriff von Antijudaismus oder Antisemitismus gebunden. Der Eindruck entsteht, dass die alten Texte tatsächlich, weil ursächlich, „antijudaistisch“ oder „antisemitisch“ seien. Aus einer innerjüdischen Auseinandersetzung kann so plötzlich eine Kampfschrift gegen „die Juden“ schlechthin werden. Und noch schlimmer: der Antijudaismus kann damit auch leicht mit den in den Texten dargestellten Geschehnissen, mit Jesus und letztlich mit Gott, verbunden werden. Gibson versucht eine derartige distanzlose Übertragung der Evangelien, indem er für seinen Film die realistische Darstellung der Geschehnisse beansprucht. Er will die Passion zeigen, wie sie gewesen ist und geht offenbar davon aus, die Geschehnisse mit größtmöglichem Realismus in Bild und Sprache rekonstruieren zu können. In seiner Begründung widerspricht er sich allerdings selbst: Der Film sei realistisch, weil er sich an die Evangelien halte. Dieser Anspruch verfehlt in zweifacher Hinsicht sein Ziel: erstens sind die Evangelien keine im strengen Sinn realistischen Darstellungen, und zweitens greift Gibson massiv in die Texte ein: er vermischt die Inhalte aller vier Evangelien, fügt Elemente aus anderen Quellen hinzu und berücksichtigt kaum die Vorgeschichte und die Folgen der Passion Christi. Seine Auswahl der Evangelienteile (hauptsächlich aus dem Johannesevangelium) ist tendenziös, und seine Interpretation der Verantwortung an Jesu Tod ist nicht ausgeglichen. Die jüdischen Machthaber und die Menge erscheinen (auch wenn einzelne Ausnahmen ein Gegengewicht bilden sollen) in undifferenzierter Überzeichnung böse und hartherzig, während die Römer – vor allem Pilatus – insgesamt milder gezeichnet sind. Vor allem indem Gibson eine solche Lenkung leugnet – er behauptet ja, seine Darstellung sei werktreu und realistisch (und schließt eine eigene Interpretation aus) –, verstärkt er die antijüdischen Tendenzen in seinem Film, indem er sie nämlich als ursprünglich und „wahr“ erscheinen lässt. Zwei Umstände rücken den Film weiter in die Nähe eines latenten Antijudaismus bzw. Antisemitismus: die Tatsache, dass Gibson sich von den antisemitischen Ausfällen seines Vaters (er leugnete den Massenmord an Millionen Juden im Nationalsozialismus) nicht distanziert hat, und seine Zugehörigkeit zu einer Gemeinde „traditionell katholischer“ Christen, die eine unkritische Bibelauffassung propagieren und das Zweite Vatikanische Konzil ablehnen, in dem unter anderem der Vorstellung einer jüdischen Kollektivschuld am Tod Jesu eine klare Absage erteilt wurde. In den USA wurde der Film schon zum Anlass für antisemitische Äußerungen von rechten christlichen Gruppierungen. Ob Gibsons Umgang mit dem Antisemitismus wie auch sein Realismusanspruch nun naiv, fahrlässig oder sogar vorsätzlich ist, kann kaum sicher ergründet werden. Als Regisseur ist er aber durchaus (mit)verantwortlich dafür, zu welchen Schlüssen sein Film anregt. Nicht nur die Bilder sind brutal Dass Gibsons Darstellung der Passion außerordentlich brutal ist, weiß jede und jeder, die/der den Film gesehen oder auch nur davon erfahren hat. Für einen Jesusfilm ist das neu, für einen Spielfilm allgemein, zumal für einen von Mel Gibson, schon weniger. Auch die christliche Ikonografie, vor allem die Kunst des Mittelalters, bietet drastische Darstellungen vom Leiden Christi. Es ist sinnvoll, den Aspekt des extremen körperlichen Leids nicht zu verharmlosen, und Jesus als körperlichen Menschen darzustellen, der das Schicksal mit vielen anderen Menschen teilt, die auch heute noch gefoltert und ermordet werden oder die aus anderen Gründen leiden. Meinem Eindruck nach lässt Gibsons Film dem geschundenen Jesus trotz aller Brutalität eine menschliche Würde. Diese Wirkung bildet einen positiven Aspekt des Films. Sie lässt schon im extremen Leid eine Erlösung erahnen und mildert damit auch die Fixierung der Filmstory auf die leidvollen Anteile am Leben Jesu ab. Bedenklich ist aber die Vorstellung, dass die Erlösung unbedingt an ein ins Unermessliche gesteigertes Opfer gebunden ist. Die alleinige Betonung des Opferaspekts in Jesu Leben und Sterben lässt die Botschaft, für die er gestorben ist, in den Hintergrund treten. Ein rechnerisches Erlösungsverständnis, nach dem unsere Sünden durch ein möglichst großes Opfer abgezahlt werden mussten, verkehrt die christliche Botschaft leicht in ein negatives Weltbild und steht damit der Befreiung aus dem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt entgegen. Abgesehen von der Frage, ob die Intensität der körperlichen Gewalt in „Die Passion Christi“ angemessen ist oder nicht, gilt es, einen Blick auf die Mechanismen zu werfen, mit denen Gibson die Wahrnehmung des Publikums lenkt: Durch Gibsons Eingriffe in die verwendeten Quellentexte und durch die formale Gestaltung erhält der Film eine von den Evangelien abweichende und bedenkliche Aussage. Hier ist die Tendenz zu einem extrem vereinfachenden Schwarz-Weiß-Denken zu erkennen, eine klare Gegenüberstellung und Abgrenzung althergebrachter Kategorien, die sich letztlich in der Opposition Gut und Böse zusammenfassen lässt. (Vgl. zu diesem Aspekt auch den Artikel von Friedrich Wilhelm Graf „Passion aus Pappe“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 16.03.2004) Ein solcher Dualismus kommt in den Evangelien nicht vor. Und er erscheint in Gibsons Film nicht nur gelegentlich, sondern er zieht sich als bestimmender Faktor durch die ganze Handlung. Konsequent ist der Film auf harte Kontraste angelegt. Im Schuss-Gegenschuss-Verfahren oder in Parallelmontage folgen klare Gegensätze aufeinander: Gut und Böse, Idylle und extreme Gewalt. Die Brutalität dieses Dualismus wird in einer unbiblischen Erfindung Gibsons besonders deutlich: bei der Kreuzigung bekommt der zweite Mitverurteilte, der im Gegensatz zum ersten hartherzig bleibt, prompt von einem Vogel ein Auge ausgehackt (Rache, drakonische Bestrafung von oben: wo bleibt die Liebe?). Schon ganz am Anfang zeigt sich die angebliche „Passion der Liebe“ (Gibson in einem Interview mit dem Fernsehsender ABC) von ihrer brutalen Seite: wenn Jesus Satan fast wie im Duell gegenübersteht, diesem eine Schlange entweicht und Jesus das Tier deutlich hörbar zertritt. Welche Botschaft ist aus einer solch dualistischen Anordnung abzuleiten? Möglicherweise die, dass christliche Religiosität Eindeutigkeit erfordert. Zwischentöne, Mischformen sind offenbar nicht angebracht. Dazu passt auch die androgyne Darstellung Satans: das Böse steht zwar dem Guten personifiziert als Gegenmacht gegenüber, aber das eigentliche Wesen des Bösen scheint darin zu bestehen, dass es alle klaren Gegenüberstellungen aufweicht. Dadurch geht die (für gut befundene) bipolare Ordnung verloren, die Folge ist Chaos. Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Dualismus geradezu den Samen von Intoleranz und Diskriminierung Andersdenkender oder Andersgläubiger in sich trägt. Im Mittelalter wurde nach solchem Muster argumentiert und in totalitären Systemen. Und zur Überbrückung der Kluft, die sich zwischen liberalen und christlich-fundamentalistischen Positionen in den USA dieser Tage auftut, ist Gibsons Botschaft denkbar ungeeignet. Der Film ist durchaus bedenklich, und zwar gerade weil er auf den ersten Blick, abgesehen von vielen blutigen Bildern, harmlos und fromm wirkt. Die Gefahr besteht, dass der Film als mit den Evangelien übereinstimmend missverstanden und seine Aussage nicht als davon abweichend erkannt und unreflektiert übernommen wird. Gewalt steckt bei Gibson nicht nur in den Bildern: noch bedenklicher ist die brutale dualistische Botschaft dahinter. Immerhin: die Diskussionen, die durch den Film an eine breitere Öffentlichkeit gelangten, sind heute wie eh und je sehr wichtig. Subtile Mechanismen von Fundamentalismus kommen zur Sprache, und die „Frohe Botschaft“ Jesu Christi erhält die Chance, sich jenseits von Intoleranz zu profilieren. Autor: Matthias Ganter |
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