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Neu auf dem
Buchmarkt:

Eckhard Bieger
SJ
Das
Öffentlichkeitsdilemma der katholischen Kirche.
Matthias-Grünewald-Verlag
Mainz
195 Seiten
ISBN 3-7867-2479-2
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Thesen
aus dem neuen Buch:
Das Öffentlichkeitsdilemma der katholischen Kirche
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3.
Schwangerschaftsabbruch - das unbiblische Freiheitsverständnis der katholischen
Kirche
Die katholische Kirche
hat nichts daran geändert, dass jede 7. Schwangerschaft in Deutschland
abgebrochen wird. Schlimmer noch, sie etikettiert die Frauen als unfrei,
die sich trotz Konflikt nicht abtreiben.
Wer auf die eigene
Freiheit verzichtet, "gehört nicht mehr dazu." Denn die wichtigste Aufgabe
für den modernen Menschen besteht darin, die eigene Freiheit zu verwirklichen.
verzichtet, nicht dazugehörig fühlen. Gerade das verlangt die katholische
Kirche von iener Frau, für die eine Schwangerschaft einen Konflikt bedeutet.
Nach den Aussagen der katholischen Kirche ist die Frau verpflichtet, auf
jeden Fall das Kind zur Welt bringen. Wie wird das begründet? Die katholischen
Kirche konstatiert, dass die werdende Mutter zugunsten des Lebensrechtes
des Kindes auf ihre persönliche Freiheit verzichten muss. Die Kirche schließt
sich damit der herrschenden Auffassung an, die eine unerwünschte Schwangerschaft
als eine Art Freiheitsberaubung deklariert, vor der junge Frauen geschützt
werden müssen. Der psychologische Effekt dieser Argumentation besteht
darin, dass der Frau, die sich entgegen vielen Stimmen für das Kind entscheidet,
das kirchliche Zeugnis ausgestellt wird, sie hätte sich für die Minderung
ihrer Freiheit entschieden. Das ist gegenüber einer jungen Frau schon
fast eine Art von Beleidigung und zudem sachlich falsch. Es zeigt sich
darin eine deutliche Distanz zu den eigenen Werten, dass die katholische
Kirche in ihrem Denken bereits eine solche Symbiose mit dem Zeitgeist
eingegangen ist, dass sie blind voraussetzt, dass mit der Geburt eines
Kindes Freiheit verloren ginge. Natürlich kann eine Mutter nicht mehr
so oft abends ausgehen, sie wird auch weniger oft durchschlafen können
und Zeit für ihr Kind verwenden. Vielleicht muss sie sich auch beruflich
neu orientieren. Wenn eine Kirche das ohne Nachdenken als Minderung der
Freiheit einstuft, sollte sie die biblischen Texte aus ihren Lesungen
streichen, die von dem Kinderwunsch einer Sarah, einer Rachel, der Mütter
Samuels oder Johannes' des Täufers berichten. Um es noch einmal deutlich
zu machen: Wer einer Frau die Verpflichtung auferlegt, die eigene Freiheit
einzuschränken, um dem Lebensrecht des Kindes gerecht zu werden, verschärft
das psychologische Klima für die Frauen, die ungewollt schwanger werden.
Ungeprüft wird von der katholischen Kirche die Argumentation übernommen,
dass Kinder die Freiheit einschränken. Wie kann aber diese katholische
Argumentation gerechtfertigt werden, die Erwachsenen zu einer Minderung
ihrer Freiheit auffordert? In einem ersten Schritt ist die Voraussetzung
zu untersuchen, in der sich die katholische Kirche mit dem sog. Zeitgeist
einig ist, dass ein Kind Minderung der Freiheit der Mutter bedeutet. Wie
jede andere Entscheidung hat auch die für ein Kind Konsequenzen. Aber
bezeichnen wir z.B. einen Sportler, eine Sportlerin als unfrei, die im
Blick auf den sportlichen Wettkampf auf Alkohol verzichten und viele Stunden
trainieren, während andere sich bei einem Glas Wein unterhalten oder das
Fernsehprogramm genießen. Ebensowenig halten wir den für unfrei, der ein
politisches Amt übernimmt, obwohl z.B. ein Bürgermeister in seiner Zeitplanung
über viel weniger Spielräume verfügt, weil er viele Verpflichtungen übernommen
hat. Er hat aber in seiner Funktion viel mehr Möglichkeiten, etwas zu
gestalten als ohne dieses Amt. Er hat Spielräume gewonnen, die ihm sonst
verschlossen wären. Ist es bei einer Mutter so anders? Oder warum muss
die katholische Kirche mit einer familienfeindlichen Gesellschaft den
Müttern, die sich für ihr Kind entscheiden, eine Minderung ihrer Freiheit
unterstellen. Ist es nicht eine viel größere Freiheit, ein Kind groß werden
zu sehen, seine Spontaneität zu erleben, seine Entwicklung zu unterstützen?
Eine Frau könnte mit einer Argumentation der katholischen Kirche, die
sich an der Bibel orientieren würde, sehr viel selbstbewußter auftreten,
wenn sie sich für ihr Kind entschieden hat. Sie könnte den Frauen, die
sich zu dieser Entscheidung nicht durchringen konnten, vorhalten, dass
diese sich im Blick auf ihre berufliche Karriere, im Hören auf ihre "falschen
Freunde" und die sublimen Unterstellungen, die einer Schwangeren entgegengebracht
werden, abhängig verhalten und sich nicht für ihre größere Freiheit entschieden
habe, die ihr das Kind eröffnet hätte. Da die katholische Kirche offensichtlich
auch ein vordergründiges Karrieredenken und eine bestimmte Freizeitideologie
für normal hält, macht sie Frauen, die sich zu ihrem Kind entschieden
haben, in der Freiheitsfrage stumm.
Kinder bedeuten größere Freiheit
Die menschliche Natur
ist so angelegt, dass sie auf den Tod zuläuft, jedoch die Chance hat,
Wissen, Werte und sogar das Leben an eine nächste Generation weiterzugeben.
Der Tod begrenzt die Möglichkeiten, zugleich ist er notwendig, damit die
nächste Generation Verantwortung übernehmen und das Leben gestalten kann.
Das ist ein nicht unwichtige Aussage der Erzählung vom Sündenfall. Denn
wie in anderen vergleichbaren Mythen steht der Apfel für Sexualität. Indem
die Menschen ihre Sexualität entdecken, empfinden sie nicht nur Scham
über ihre Nacktheit, sondern müssen auch von der Bühne abtreten, um der
nächsten Generation Platz zu machen. Sie müssen sterben. Deshalb beraubt
sich eine Gesellschaft, die auf Kinder verzichtet, wichtiger Freiheitsräume.
Der Tod der jetzt Lebenden ist die Grenze der Freiheit, oder man verfällt
auf die Idee der Wiedergeburt bzw. hofft auf eine Gentechnik, die das
Leben endlos macht und damit den Tod überlistet. Warum schließt sich die
katholische Kirche so selbstverständlich einer gängigen Argumentation
an, obwohl sie zugleich an der Bedeutung des Kindes festhält und die Mutter
verpflichtet, das Kind zur Welt zu bringen? Warum kann sie nicht erklären,
dass die Frau damit eine größere Freiheit verwirklicht? Der Denkfehler
liegt darin begründet, dass die 10 Gebote in eine besondere Beziehung
zur Freiheit gesetzt werden. Das führt zu der Frage:
Schränken die 10 Gebote tatsächlich die Freiheit ein?
In einem kirchlichen Lehrdokument wird unterstellt, dass das Sittengesetz
von Gott vorgegeben wurde, um die menschliche Freiheit einzuschränken.
Die päpstliche Enzyklika über Fragen der Morallehre, sie trägt den anspruchsvollen
Titel "Der Glanz der Wahrheit", erklärt die Freiheit im Zusammenhang mit
dem in den 10 Geboten zusammengefaßten Sittengesetz. Die Argumentation
läuft darauf hinaus, dass Gott die 10 Gebote deshalb verpflichtend gemacht
hat, um die menschliche Freiheit einzugrenzen. Die Freiheit bedarf aus
der Sicht des kirchlichen Lehramtes deshalb eines besonders kritischen
Blicks, weil die Stammeltern die Freiheit dazu mißbraucht haben, von dem
verbotenen Baum zu essen und sich damit den Zorn Gottes zugezogen haben.
So heißt es in dem päpstlichen Text:
Im
Buch Genesis lesen wir: "Gott der Herr gebot dem Menschen: Von allen Bäumen
des Gartens darfst Du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und
Böse darfst Du nicht essen; denn wenn Du davon ißt, wirst Du sterben."
(Gen 2,16-17). Mit diesem Bild lehrt uns die Offenbarung, daß die Macht,
über Gut und Böse zu entscheiden, nicht dem Menschen, sondern allein Gott
zusteht. Gewiß, der Mensch ist von dem Augenblick an frei, indem er die
Gebote Gottes erkennen und aufnehmen kann. Und er ist im Besitz einer
sehr weitgehenden Freiheit, denn er darf "von allen Bäumen des Gartens"
essen. Aber es ist keine unbegrenzte Freiheit: Sie muß vor dem "Baum der
Erkenntnis von Gut und Böse" Halt machen, da sie dazu berufen ist, das
Sittengesetz, das Gott dem Menschen gibt, anzunehmen. "
Schränken die Gebote aber die Freiheit ein? Wenn der Mensch das Sittengesetz
annimmt, scheint er das auf Kosten seiner Freiheit zu tun. Denn, so die
Argumentation, der Freiheit müssen Grenzen gesetzt werden. Das Lehrschreiben
traut der menschlichen Freiheit wenig zu. Die Freiheit scheint nicht in
der Lage zu sein, das für den Menschen Gute selbst zu erkennen. Die Erkenntnis
des Sittengesetzes muss daher der menschlichen Vernunft von Gott eingestiftet
werden. Damit wird die Freiheit zu einer Schwäche des Menschen. "Die der
Freiheit Gottes nachgebildete Freiheit des Menschen wird durch dessen
Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes nicht nur nicht verneint, sondern
vielmehr bleibt sie erst durch diesen Gehorsam in der Wahrheit und entspricht
der Würde des Menschen ..." Gehorsam ist nach allgemeinem Verständnis
allerdings eine Minderung der Freiheit, die zwar bejaht wird, aber trotzdem
eine Minderung bleibt. Wer nicht gehorchen muss, erscheint uns freier.
Diese eigenartige Argumentation folgt daraus, dass das Lehrdokument nicht
die Überlegung zuläßt, ob die Freiheit vielleicht aus sich heraus die
10 Gebote befolgen will. Die Freiheit scheint etwas zu wollen, was dem
Sittengesetz widerspricht. Das hat auf der psychologischen Ebene eine
fatale Konsequenz. Die kirchliche Lehre insinuiert, dass der Mensch, der
die 10 Gebote befolgt, sich unfrei macht. Dann muß aber der, der frei
sein will, sich und anderen seine Freiheit dadurch beweisen, dass er die
Gebote übertritt. Wenn aber die 10 Gebote der Freiheit gerade mehr Spielräume
erschließen, indem sie mehr Vertrauen, mehr Kreativität, mehr Solidarität
ermöglichen? Es läßt sich leicht zeigen, dass es in der Freiheit selbst
begründet ist, sich an die Spielregeln zu halten. Es ist nicht zuletzt
eine Sache der Ehre, den anderen nicht zu belügen oder zu bestehlen, weil
man sich nur so als Freier unter Freien fühlen kann. Und macht sich nicht
der vogelfrei, der einen anderen umbringt? Ein ausdrückliches Tötungsverbot
ist sicher sinnvoll, aber schränkt ein solches Gebot die Freiheit ein?
Es ist wie bei einem Naturgesetz: Wer aus einem Fenster im dritten Stock
springt, nutzt zwar seine Freiheit, ist aber nachher mit einem Knöchelbruch
in seiner Bewegungs-Freiheit erheblich eingeschränkt. Es braucht keiner
Befehle Gottes, um zu erkennen, dass die 10 Gebote Freiheit ermöglichen
und nicht einschränken. Die 10 Gebote sind eine Art Naturgesetz für das
menschliche Zusammenleben. Jeder kann erkennen, dass diese Gesetze gerade
nicht die Freiheit einschränken. Denn wenn ich gewärtig sein muss, dass
der andere, wenn er sich davon einen größeren Nutzen verspricht, mich
körperlich bedrohen oder er mich belügen wird, ist meine Freiheit eingeschränkt
und die des anderen auch, denn er muss damit rechnen, dass auch ich ihm
schade oder ihn belüge. Man kann durchaus sagen, dass derjenige, der die
10 Gebote nicht als Regeln für das Zusammenleben anerkennt, andere und
auch sich selbst unfreier macht.
Milieu für eine größere Freiheit
Ein grundsätzlicher
Denkfehler katholischer Argumentation besteht darin, dass das Reich der
Freiheit nicht da zu finden ist, wo es um die Befolgung des Sittengesetzes
geht. Da sind wir nur auf den ersten Blick frei. Wenn wir eines der Gebote
übertreten haben, ist unsere Freiheit gemindert. Wenn wir z.B. gelogen
haben, müssen wir alle unsere Aussagen so machen, dass die Lüge nicht
entdeckt wird. Wir sind nicht mehr frei zu sagen, was wir sagen wollen,
sondern sind von der gemachten Lüge abhängig. Unsere Freiheit kommt erst
da vollgültig ins Spiel, wo das Sittengesetz nicht mehr greift. Die menschliche
Freiheit erschöpft sich nicht in der Befolgung der 10 Gebote, vielmehr
beginnt ihr Reich erst da, wo die Gebote nicht mehr das Allgemeine regeln,
sondern jemand seine eigene Berufung entdeckt. Auf diese stößt man in
der Regel unerwartet, sei es nach dem Ende der DDR der politisch nicht
korrumpierte Ingenieur, der das Amt des Bürgermeisters übernommen hat,
sei es die Studentin, die bei dem Elbhochwasser ihren gewohnten Alltag
mit garantiertem Kneipenbesuch aufgegeben hat, um zu helfen oder der Mann
bzw. die Frau, die einen sicheren Arbeitsplatz aufgibt, um sich selbständig
zu machen. Freiheit hat da ihren Raum, wo eine Herausforderung angenommen,
Neues gewagt, die kleinen Freiheit gegen eine größere eingetauscht wird.
Hier wird auch die Funktion einer christlichen Gemeinde erkennbar. Sie
sollte ein Raum sein, in dem jemand seine besondere Berufung entdecken
kann und Unterstützung findet, sie zu wagen, wie die vielen Missionare
mit dem Rückhalt ihrer Gemeinden nach Übersee in eine unsichere Zukunft
aufgebrochen sind. Ebenso müssen sich christliche Gemeinden und ihre Vorsteher
fragen, warum sie jungen Frauen so wenig Mut machen, ihr Kind auszutragen.
Sind nicht christliche Gemeinden zu sehr damit beschäftigt, das Binnenleben
möglichst angenehm zu gestalten, so dass der Humus verloren ist, aus dem
besondere Berufungen wachsen? Wie dieses seltsame katholische Verständnis
der Freiheit zu dem schlechten Image dieser Kirche führt, wird in dem
Buch "Das Öffentlichkeitsdilemma der katholischen Kirche" ausführlich
dargestellt und an Beispielen erläutert.
Autor: Eckhard Bieger SJ
Dokument erstellt am 17.01.2004
Erscheinungsdatum 17.01.2004
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Der
Autor: Eckhard Bieger SJ, geb. 1939; Dr. theol.; seit 1971 in
der kirch-lichen Medienarbeit tätig, seit 1982 Beauftragter der
katholischen Kirche |
| beim
ZDF und seit 1984 Leiter des Medienprogramms der philosophisch-
theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt; Mitbegründer
der Drehbuchwerkstatt der Katholischen Medienakademie |
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