Der »Kruzifix-Beschluß«
des Bundesverfassungsgerichtes

Kreuz, Staat und Gesellschaft
aus theologischer Perspektive
Das Kreuz und die Macht
(In hoc signo vinces)

von Carl Amery

 

Der englische Romancier Evelyn Waugh, ein großer Ironiker und ein Konvertit, schrieb eine fiktive Biographie der Mutter Konstantins, der heiligen Helena. Er folgt darin einer Tradition, die sie von den britischen Inseln kommen läßt, schon deshalb, um eine Menge Pointen über moderne Eigenheiten seines Landes anzubringen - und um sie am Ende der Geschichte das Kreuz Christi in Jerusalem finden zu lassen. Zuvor aber erlebt sie, nach langen einsamen Witwenjahren auf dem Balkan, den Triumph ihres Sohnes, der sie schließlich nach Rom einlädt. Dort empfängt er sie inmitten seines bizarren byzantinischen Zeremoniells, wie so viele mächtige und berühmte Männer verlegen vor dem Angesicht der Mutter und entschlossen, ihr zu imponieren. Er führt sie zu einem Wandschrank, zerrt aus ihm das Labarum heraus, das berühmte neue Feldzeichen mit dem Kreuz und dem Christus-Monogramm; er schildert ihr, wie ihm dieses Zeichen in der Nacht vor der entscheidenden Schlacht an der Milvischen Brücke von oben gewiesen wurde, wie die göttliche Stimme ihm zurief: In hoc signo vinces - in diesem Zeichen wirst Du siegen! Aus der Vision erwacht, habe er sofort den Befehl gegeben, es als neue Wappenfahne anfertigen zu lassen, und so sei er denn, was sonst, siegreich gewesen und habe die Freiheit des Christenmenschen eingeleitet.

Die nüchterne Britin, die etwas von Textilien versteht, sieht mit einem Blick, daß dieses Labarum die wochenlange Arbeit von mehreren emsigen Stickerinnen gekostet hat, und macht den Sohn trocken darauf aufmerksam. Konstantin reagiert ärgerlich, ja wütend: »Ich sagte doch, daß es ein Wunder war, verstehst du das nicht?«

Mindestens die Hälfte unseres Themas ließe sich anhand dieser Anekdote bearbeiten - die Doppelheimat des siegreichen Zeichens, das wunderbar von oben geschenkt ist, aber auch eine durchaus feste und durchaus hinterfragbare machtpolitische Rolle in machtpolitischer Planung spielte und spielt. Das übernatürliche, das transzendente Zeichen bedarf der jähen Epiphanie, der visionären Enthüllung - dagegen der lange Marsch des Konstantin zur Milvischen Brücke setzte viele und gewundene Lernprozesse voraus. Der Flavier Konstantin, Sohn des Konstantius Chlorus, liegt in einer Linie der Kontinultät mit anderen Balkangenerälen aus Nisch oder Dubrovnik, die es bis zum kaiserlichen Purpur schafften; nicht zuletzt deshalb, weil sie im Gegensatz zu den Römern das alte Reich noch ernstnahmen und gern hatten. Einer von ihnen, Diokletian, hatte eben deshalb die Christen verfolgt, weil er sie für ein zersetzendes, zerstörendes Element in diesem seinem Reiche hielt. Konstantin, ebenso nüchtern und entschlossen wie er, durchschaute die Kontraproduktivität dieser Verfolgung, machte sich auf die Suche nach einem neuen religiösen Integrationsfaktor, neigte eine Zeitlang dem Kult des Sol Invictus, des unbesieglichen Sonnengottes zu, der sich ihm dann, in der bewährten Methode des römischen Kult-Pluralismus, in den Kosmokrator Christos verwandelte.

Und zweifellos war das eine kluge und richtige Wahl. Sie hat die Lebensdauer des Imperiums verlängert (nicht, wie der Engländer Gibbon meinte, seinen Ruin bewirkt - da sitzt er dem hartnäckigen westlichen Vorurteil auf, das die tausend Jahre Byzanz einfach wegdrückt). Gerade die orthodoxe Christenheit verehrt Konstantin deshalb als Heiligen, und das ist mindestens ebenso berechtigt wie die Heiligenverehrung Karls des Großen im Westen. Doch mindestens ebenso berechtigt ist die zunehmend herbe, aus dem Inneren der Christenheit selbst aufgebrochene Kritik an dieser Wende, die sich heute unter den Gutdenkenden siegreich durchgesetzt hat. Die fundierteste Formulierung dieser Kritik ist wohl nach wie vor Rudolf Herneggers Buch Macht ohne Auftrag, das 1963 erschienen ist. Es beschreibt nach einer gründlichen Analyse der kirchlichen Entwicklung des zweiten und dritten Jahrhunderts die Einzelaspekte der überstürzten Befreiung durch das Edikt von Mailand im Jahre 312, der dann die totale Machtübernahme folgte, mit all den unheilvollen Konsequenzen für das spirituelle Klima, den inneren Zusammenhalt der Kirche selbst. Ihr Hauptproblem waren jetzt die Opportunisten, die plötzlich in hellen Haufen hereindrängten und die alte, mehr oder weniger sorgfältig gehandhabte Disziplin des Katechumenats, der Taufvorbereitung, einfach überrannten. Da fand kein Wachsen ins Vollalter Christi mehr statt, da wurde pauschal und massenhaft der Taufschein ausgestellt für Menschen, die nun naiv und unbekümmert den alten heidnischen Lebensstil, ja das heidnische Lebensgefühl in ihr frischgebackenes Christentum hineinstopften, mit allem was dazugehörte - von den Pferdewetten bis zum Totenkult.

Dies ist umso verständlicher, als der Episkopat selber, eben den Kerkern, den Höllen und Foltern der großen Diokletianischen Verfolgung entronnen, außerstande war, die Risiken der neuen Situation zu erfassen. Er nahm die neue kaiserliche Huld in rührender Dankbarkeit entgegen. (Die Dokumente solcher Dankbarkeit zu lesen, ist heute ebenso bewegend wie peinlich.) Der Sieg im Zeichen des Kreuzes, vorbereitet durch den Sieg der Märtyrer in den Arenen (noch heute feiert ihn Rom durch prunklateinische Inschriften) schien so eindeutig das Werk des Himmels zu sein, daß sich kaum eine Stimme gegen die Vereinigung von Kreuz und Macht im Brautbett des Reiches erhob. (Ein einsamer apulischer Bischof, der das Risiko erkannte, sich entsprechend äußerte und entsprechend schnell ausgegrenzt wurde, hieß ironischerweise Luzifer&¬ x2026;)

Aber sehen wir von Einzelheiten ab. Was durch Konstantins Entscheidung eingeleitet war und was die nächsten zwölfhundert Jahre christlicher Geschichte bestimmte, war nun eindeutig die Rolle des Kreuzes als eines Macht-Zeichens, als Signum auf Fahnen, Segeln und Schilden,als Aufruf zu Landnahme und Unterwerfung, und es übernahm dabei die numinose Mächtigkeit alter heidnischer Religiosität. Zusammen mit Märtyrer-Reliquien wurde es nun den Heeren der Christenheit vorangetragen, versammelte das MANA, die magisch verdichtete Wirkkraft um sich, die nachweislich schlachtentscheidend war. Das Modell der Milvischen Brücke wirkte durch die Jahrhunderte fort: der Franke Chlodwig testet den Christengott im Kampf gegen die Alemannen, Santiago, der heilige Jakob erscheint riesig im nächtlichen Sternenfeld über Compostela als Matamoros, der Maurentöter (heute noch daselbst als Souvenir zu haben) und selbst vor unglücklicher Schlacht gegen die Muselmanen wird dem edlen Serben-Zaren Lazar auf dem Amselfeld 1389 die Vision des Engels zuteil.

Was wird unter solchen Bedingungen aus dem eigentlichen, dem inneren Wesen des Christentums? War es nun nicht völlig überherrscht von der uralt-heidnischen Schlacht- und Schlächter-Metaphysik, vom uralten Kampf der feindlichen Zwillinge, der einander nachahmenden Champions auf Leben und Tod? Es gibt einen höchst erhellenden Beleg für diese KampfMetaphysik: die Taufe des schon erwähnten Frankenkönigs Chlodwig. Bei dieser Taufe sprach ihn der zelebrierende Bischof Gregor von Tours mit der berühmt gewordenen Formel an: »Beuge dein Haupt, stolzer Sugambrer - bete an, was du verbranntest, und verbrenne, was du angebetet hast - adora quod incendisti - et incende quod adorasti!« Kein neuer Himmel und keine neue Erde werden hier sichtbar - die doubles, die feindlichen Zwillinge Christen- und Heidentum, tauschen lediglich ihre Funktionen und ihre Feldzeichen aus, ohne ihr jeweiliges Wesen oder ihre jeweilige Praxis verändern zu müssen. (Dieser Ritus wurde fünfzehnhundert Jahre später im Beisein des Papstes feierlich als fünfzehnhundertjähriges Jubiläum der Taufe Frankreichs kommemoriert.)

In der konstantinischen Wende und ihren soziopolitischen Folgen hätten wir also den Beginn der Kriminalgeschichte des Christentums, wie sie uns spätestens seit dem 18. Jahrhundert aufs üppigste serviert wurde und wird. Und es besteht (auch nicht erst seit Hernegger, seit Heinrich Böll und Carl Amery) unter kritischen oder auch nur differenzierenden Christen durchaus die Bereitschaft, sich auf diese Kriminalgeschichte einzulassen, die alten Beschönigungen und Vertuschungen aufzudecken, die stattliche Fülle ihrer Verbrechen anzuerkennen.

Nur - und das soll bei aller kritischen Demut betont werden - damit erschöpft sich die Geschichte der Vermählung von Kreuz und Macht nicht, erschöpft sich keineswegs. Trotz allem und immer wieder ist das wahre Kreuz (über dessen tiefste Wahrhaftigkeit noch zu sprechen sein wird) in den Machtstrukturen aufgetaucht, hat sich als störende, als ärgerniserregende Kraft gegenüber den scheinbar siegreichen alten Mythologien und Barbareien geltend gemacht und vielleicht erst so seine genuine, seine wirkliche Macht ausgeübt - selten siegreich im Sinne der Welt, aber nie ganz unterdrückbar - und vor allem nie ganz zu beseitigen.

Gut, die Kreuzfahrer mochten sich sicher sein, daß sie den Wind Gottes in ihren Segeln hatten. Sie mochten ihn auf der Fahrt nach Akkon spüren, sie mochten ihn sogar Anno 1204 auf der Reise nach Konstantinopel spüren, wo sie mit schwindelerregendem Profit ein großes christliches Reich zerstörten. Die Deutschen Ritter mochten ihn spüren auf ihren »Litauerreisen« bei den periodisch angetretenen Mord- und Plünderzügen ins Land der baltischen Heiden. Ja, und vor allem mochten ihn die Conquistadoren spüren in den Segeln ihrer Caravellen, als sie in die Neue Welt aufbrachen. Aber immer wieder war auch stille Gegenmacht zu fühlen. Gut, die wilden französischen Barone mochten auf den Feldern von Vezelay dem Aufruf des Bernhard von Clairvaux guten Gewissens antworten: Deus lo volt! - aber als ihre Glaubensgenossen am Rhein ebenso guten Gewissens über die Judengemeinden herfielen, da war eben in der Logik des wahren Kreuzes auch nicht zu verhindern, daß der gleiche Bernhard, der silberzüngige Zisterzienser, nun einem ganz anderen Kreuz-Ruf folgte, selbst an den Rhein eilte und wortgewaltig das Recht der älteren Brüder, der Söhne Israels, verteidigte - sogar erfolgreich verteidigte. (Die jüdische Gemeinde von Worms hat ihn dafür zum Ehrenbürger gemacht.)

Die neureichen Spanier von Mexiko und Peru mochten sich noch so allmächtig fühlen in ihrer Kreuzfahrer-Gewalt über Leben und Tod nackter Heiden - sie mußten erleben, daß ein Schwärmer namens Las Casas in die Heimat segelte, das Buß-Kreuz erhob und den Kaiser Karl den Fünften zu einem höchst unglaublichen, zumindest höchst unwahrscheinlichen emanzipatorischen Gesetzeswerk animierte, den Nuevas Leyes, den Neuen Gesetzen von 1542: Indianer als Vollbürger, Achtstundentag, Arbeitsverbot für Frauen und Kinder.

Freilich, ernsthaft angewandt wurde es nie. Freilich, Juden wurden immer noch massakriert, in Abständen, die nicht zuletzt von den Schuldbucheintragungen in ihren Kontoren bestimmt waren. Freilich, schon die ersten Christen-Generationen nach 312 waren alles andere als zartfühlend im Umgang mit dem noch existierenden Heiden- und Judentum: ihr extremer Fundamentalismus, wie wir heute sagen würden, übertraf manchmal die Härten der heidnischen Christenverfolgung bei weitem. Freilich, noch der Kolonialismus der europäischen Mächte seit dem 16. Jahrhndert hielt an einer expansionistischen Deutung des christlichen Auftrags fest, ließ nicht nur Kanonenboote und Pflanzer, sondern fast ebenso zerstörerische Missionare auf ahnungslose traditionelle Gesellschaften los, die sich nur durch Selbstaufgabe zu wehren wußten. »Sie sagen Gott und meinen Kattun,« so beschrieb Fontane die englische Kolonialpolitik (die er allerdings nicht ganz verstand).

Sie sagen Gott und meinen Kattun. Der Satz eignet sich als Kürzel für all das, was eine aufgeklärte, scheinbar den Fesseln des Christentums entronnene Gesellschaft von der alten Machtgeschichte des Kreuzes hielt und hält: Durch die Jahrhunderte und Jahrtausende, so will es diese Perspektive, haben es die Mächtigen immer verstanden, sich des Kreuzes als eines Siegeszeichens zu bedienen, um ihre Gegner niederzukämpfen, um ihre Herrschaft durch die mächtigsten inneren Kontrollen zu festigen, welche die Menschheit je entwickelt hat. Das bißchen Bernhard von Clairvaux, das bißchen Franz von Assisi, das bißchen Las Casas und, in unseren Tagen, das bißchen Befreiungstheologie kann daran nicht nur nichts ändern - im Gegenteil, solche Zwischengerichte sind hochwillkommen als Alibi, als der Vitalitätsausweis einer Kirche, die es immer verstanden hat, mit den Hasen zu laufen und mit den Jägern zu jagen. So die antireligiöse Aufklärung. So zwangsläufig ihre logische Folgerung: Écrasez l'infame!

Aber (und damit kommen wir vielleicht dem eigentlichen Geheimnis, dem mysterium crucis, ein Stück näher!) ist diese Folgerung haltbar? Welche Fronten beschreibt sie, welche Grenzen zieht sie, die aus einer der komplexesten und verwirrendsten Erfolgsgeschichten der Welt eine platte Trickkiste, eine vom Klerus erfundene Monstrosität machen? Und fragen wir tiefer: ist es logisch, einerseits an Jesus die absolute Macht- und Wirkungslosigkeit aufzuweisen, andererseits die überwältigende, die zerschmetternde Wirkung christenmenschlicher Machtgeschichte zu demonstrieren und zu ihrem mehr oder weniger gewaltsamen Ende aufzurufen?

Gewiß, gewiß: es gibt die Möglichkeit, Kirchen- und Christenheitsgeschichte als eine einzige Serie von Intrigen aufzuzeigen; aber es muß davor gewarnt werden, eine solche Intrigen-Serie (wenn es sie denn gab und gibt) als christentumsspezifisch zu denunzieren. Denn wenn es diese Intrigen gab und gibt - was ist denn ihr Desiderat, ihr logisches Ziel? Doch nur dies, zu einer Humanität zurückzugelangen, deren tiefste Gewalttätigkeit, deren tiefste Tragik sich von der Gewaltgeschichte eines verzerrten Christentums durch noch mehr Konsequenz, durch noch mehr steinerne Herrschaft unterscheiden würde - wie die antike Geschichte eindeutig beweist.

Aber wenn dem so ist; wenn die Geschichte der Christenheit seit diesem Jahre Null nichts anderes gewesen sein soll als eine mehr oder weniger maskierte Heidengeschichte - was ist dann dem Kreuz in dieser Zeit, in diesem zweifelhaften Zwischen-Äon tatsächlich zugestoßen? Genügt die Erklärung, daß ein kluger Balkan-General rechtzeitig das Labarum sticken ließ? Rechtzeitig - das hieße auch aus dem Wissen, wie ausgezeichnet es für genau das Gegenteil dessen verwendbar war, was es ursprünglich besagte - die Erinnerung an einen Schandpfahl, an dem der Unschuldigste aller Menschen starb? Die Erinnerung an die völlige Hilflosigkeit und Verständnislosigkeit der Herrschenden gegenüber diesem Unschuldigen, aus der dann die schändliche Hinrichtung erst erwuchs?

Hier müssen wir wohl etwas tiefer graben, als das der klerikale Triumphalismus einerseits, der aufklärerische Detektiv neuzeitlicher Kirchenfeindschaft andererseits tut. Was es zu erklären gilt, das ist einerseits das Paradox dieser wehrlosen Macht, dieser geschichtsmächtigen Wehrlosigkeit, andererseits die Unfähigkeit des anbrechenden Äons, etwas anderes als heidnische Machtgeschichte mit und aus dem Kreuzeszeichen zu inszenieren.

Ich erlaube mir nun, auf weite Strecken dem Werk des französischen Denkers René Girard zu folgen, das sich, meiner Meinung nach, durch die Singularität seiner eigenen, darin aufgezeichneten spirituellen Biographie höchsten Respekt verdient hat.

Girard, von Haus aus Philologe, wurde durch die intensive Befassung mit der griechischen Tragödie in die Gefilde der archaischen Kulturanthropologie getrieben. Er entdeckte und beschrieb in seinem ersten kulturanalytischen Hauptwerk La violence et le sacré als entscheidende Wurzel der Kulturbildung, ja der Hominisation überhaupt: den zunächst spontanen, dann immer mehr ritualisierten kollektiven Lynchmord. Fast alle Kulturen der Welt, so seine These, müssen sich schon in ihrer Morgenröte mit dem auseinandersetzen, was er mimesis nennt, und was zwanglos als stetig sich steigernde Rivalitätswut übersetzt werden kann: der Drang also, das Gleiche zu besitzen wie der Andere der Gruppe, ja das Gleiche oder der Bessere zu SEIN, der in Tiergesellschaften meist noch durch grimmige Unterwerfung unter das Alpha-Tier gebändigt wird, aber mit der steigenden Intelligenz und vor allem den immer komplexeren Gefühlen des Hominiden nur noch rituell gebändigt werden kann, wenn die Gesellschaft nicht auseinanderbrechen soll.

In seiner meisterhaften Analyse des OEDIPUS REX zeigt Girard auf, wie sich die Angst und Wut der Thebaner, die nach einer Ursache für die Pestepidemie suchen, durch die Orakelbotschaft des Teiresias (der zunächst selber ein Opfer dieser Wut werden könnte) auf den König und damit auf sein Lebensgeheimnis gelenkt wird: eine Kausalität zwischen seinen gänzlich schicksalhaften Taten, die nun erst als Frevel deutbar werden, und dem Schicksal der Stadt wird hergestellt, und er kommt dem kollektiven Lynchmord lediglich durch seine Selbstverstümmelung zuvor.

Es kann kein Zweifel bestehen, daß dieser mörderische Kultus des stellvertretenden Opfers zunächst nach Menschenblut verlangte. Selbst oberflächliche Lektüre der archaischen Texte zeigt das auf, zeigt dann den Übergang zum Tieropfer, das wichtige Züge des alten Lynchmords übernimmt. Diese sind: zuerst die Verdichtung des Verdachts gegen ein meist höchst willkürlich ausgewähltes Individuum, dann seine kollektive Verspottung, Schmähung, Mißhandlung, die sich zum kollektiven Mord steigert - und nach dem Mord das reinigende Schweigen, die gefühlte Wiederherstellung der gesellschaftlichen Harmonie und die logisch folgende Verklärung, Mythisierung, ja Vergöttlichung des Opfers.

Nun verallgemeinert Girard dieses Muster vielleicht in nicht ganz zulässiger Weise. Es scheint mir jedoch klar, daß er hier auf einen ganz wesentlichen Punkt der religiösen und kulturellen Genese gestoßen ist, einen Punkt, der unserem Selbstwertgefühl als Menschen nicht eben schmeichelt. Girard, den Handlungen der griechischen Tragödie folgend, nimmt in La violence et le sacré noch an, daß es dem griechischen Ingenium gelang, diese Vendetta-Wurzel, diesen Blutbrunnen der Menschvverdung zu befrieden, indem es das Rechtssystem der Polis schuf, - ein erstes System, in dem rationale Beziehungen, Kausalbeziehungen zwischen Mörder und Opfer hergestellt wurden.

Es folgen Jahre der Reflexion, der ein zweites großes Werk entwächst: Des choses cachées depuis la fondation du monde - wörtlich übersetzt: Dinge, die seit Anbeginn der Welt verborgen sind. (Man hat ihm den faden deutschen Titel Das Ende der Gewalt gegeben.) Für unser Thema ist es ein Thesaurus unersetzlicher Einsichten.

Girard bekennt, daß er ganz unverhofft auf eine ganz andere, kulturell einmalige Perspektive der Tradition gestoßen ist: die christlich-jüdische. In dieser Tradition, die zunächst durchaus noch von vielen archaischen Grausamkeiten erfüllt ist, richtet sich der Blick des Berichterstatters und damit der Blick der ganzen Tradition zunehmend auf das Opfer - eben jenes Opfer, das in der heidnischen Welt nichts anderes war und ist als der Sündenbock, der lebende Gegenstand, auf den sich die überbordende mörderische Rivalität der Gemeinschaft konzentriert; ein Gegenstand, der zunächst jedes komplexen menschlichen Bezugs entkleidet, jeder Empathie und Sympathie entzogen wird, um schließlich im Todesmoment in die lichten Nebel des Mythos zu entschwinden.

Aber ganz anders nun die Geschichten der Juden - sehr neuartige und verwirrende Geschichten, die sich mehr und mehr zwischen die üblichen Brutalitäten von Opfer und Landnahme schieben. Urtypisch die Geschichte von Kain und Abel: Kain der kulturell Überlegene, von tobender Eifersucht herausgefordert, Kain der Städtegründer, der den Leichnam des Bruders gewissermaßen in die Fundamente seines kulturellen Qualitätssprungs senkt (»Bin ich denn der Hüter meines Bruders?« - eine typische Herrscherfrage!), aber unwiderleglich herausgefordert wird von der Stimme des Herrn: »Das Blut deines Bruders schreit vom Acker!«

Josef, das urtypische Opfer rivalisierender mimesis, der Klugscheißer und Besserwisser, untertauchend in den Fast-Tod der Sklaverei, aber auf schmerzvollsten und reinigenden Umwegen der Retter der Seinen.

Die ganze Exodus-Geschichte, in der die klassische Vertreibung, die Ausstoßung in die Wüste, plötzlich zur Sache des Unterlegenen, zu seinem Triumph wird: »Rosse und Reiter warf Er ins Meer &¬ x2026;«

Vor allem aber die prophetischen Zeugnisse; die Zeugnisse wider pragmatische Herrscherklugheit und herzlosen Reichtum - vor allem, vor allem aber gegen die Übermacht des Opferwesens, das auch im stellvertretenden Tieropfer nie den archaischen Bezug auf den reinigenden Mord verleugnen kann: »Geborsam will ich, keine Opfer&¬ x2026;«

Und noch vor allem diesem: die raunende Geschichte vom leidenden Gottesknecht, der unschuldig seine Schmach auf sich nimmt, der zur Schlachtbank geführt wird und seinen Mund nicht auftut. Der »Code«, die Szene scheint dem alten Lynchritual aufs Haar zu gleichen: in cuius livore sanati sumus, in dessen Wundschweiß wir geheilt sind &¬ x2026; Aber welcher Wechsel in der Perspektive, welche Verweigerung jeglicher Apotheose!

Und nun Girards Konversionsbekenntnis, wenn man so will: Jesus von Nazareth ist für ihn die logische Krönung dieser Entwicklung. Er, der unschuldig Geschlachtete schlechthin, demaskiert ein für allemal die Lynchrituale der alten Kulturmythen; demaskiert und denunziert sie innerhalb des eigenen, prophetisch vorbereiteten und erleuchteten, aber immer wieder ins alte Rachehandwerk zurückgezwungenen Volkes - im Wehruf über die übertünchten Gräber, in der Anklage gegen die Prophetenmörder von Anbeginn. Nach Girard (und hier, so meine ich, kann ihm geformter Christenglaube folgen) ist der Versuch, Jesus zum Schweigen zu bringen, gleichzeitig der letzte Versuch, die alte reinigende, harmonisierende Wirkung des Lynchmords hervorzurufen - ein Versuch, der kläglich scheitert. Mit ihm geht in unserer Erlebnis- und Geschichtswelt die Ära der Blutopfer zuende. (Und mit der Zerstörung des Tempels geht sie auch für die Juden zuende&¬ x2026;)

Ein kühnes Konstrukt fürwahr; aber ein in sich stimmiges Konstrukt, das jeden Christenmenschen zum Nachdenken nötigen sollte - und vor allem zum Nachdenken über das, was Girard nun vorbringt.

Denn es ist nur allzu klar, daß seine kulturgeschichtliche Logik von den Jahrtausenden, die folgten, höchst selten vollzogen worden ist. Girard meint, daß die Christianisierung all der Heiden, die nicht durch die kritische »Bearbeitung« des Opferthemas, durch die jüdisch-prophetische Tradition gegangen waren, allzu »erfolgreich« in einem geistespolitischen Sinne war; daß zunächst die Massenkonversionen der Konstantinischen Wende und dann erst recht die meist vom blut- und machtgewohnten Fürsten verordnete Kollektivtaufe der Barbarenstämme fast notwendig die Wiedererrichtung des Opfermythos nach sich ziehen mußten. Und die Theologie konnte nur allzu bereitwillig folgen: mit dem Kreuzestod FÜR UNS, der Formel, die schon das erste nachchristliche Jahrhundert aussprach, konnte der siegreiche Einzug in die alte Welt des stellvertretenden Opfers beginnen - eine Welt, die von der christlichen Gelehrsamkeit vor allem des anhebenden Mittelalters aufs Subtilste ausgeschmückt und organisiert wurde. (Ich folge bei alledem immer noch Girard.)

Nun, wir haben diese Subtilitäten seit Kindheitstagen aus dem Katechismus und aus den Binnenbewegungen kirchlichen Lebens eingesogen, das steht fest. Eine der feinsten und kühnsten war wohl die Idee eines Binnen-Vertrags innerhalb der Dreifaltigkeit:

Und den Ratschluß auszuführen bot der Sohn sich selber an - wie es im Kirchenliede heißt. Das Ziel solchen Vertrags ist immer eine Auslösung, eine Lösegeld-Zahlung - sie ist, letzten Endes, an den Fürsten dieser Welt, an Satan zu leisten, und bei noch konsequenterer Interpretation des Musters wird sogar gefolgert, daß der Sieg Christi gewissermaßen aus einem strategischen Fehler dieses Satans resultiert - daß er sich durch die Erscheinung Christi als eines todwunden Gottesknechts täuschen ließ und sich mit seiner Akzeptanz so hohen Lösegelds (eben des Todes des Gottessohnes selbst) einfach übernehmen mußte.

Leugnen wir es nicht: uns Heutigen kommen solche Spekulationen zumindest wunderlich, ja empörend vor. Empörend wirkt auf uns die Vorstellung eines Gottes, der erst durch ein derartiges Blutopfer dazu bewegt werden kann, von seinem mörderischen Zorn auf die Menschheit abzulassen; und recht wunderlich der gewissermaßen notarielle Apparat, der für eine Binnen-Vereinbarung der Dreifaltigkeit ersonnen wurde und wird. Aber unzähligen Zeitgenossen, auch das wissen wir, ist diese erhabene Vorstellung vom Sühnetod Jesu als eines endgültigen stellvertretenden Opfers (Girard zeigt, daß sie schon im Hebräerbrief zumindest angesprochen wird) lieb und teuer, ist das Zentrum ihrer Gläubigkeit und Frömmigkeit.

(Man denke in solchem Zusammenhang nur an die Revolte der Lefevbre-Bewegung und der Kreise, die ihr nach wie vor nahestehen - oft genug kirchlich anerkannt! Das Zweite Vatikanische Konzil, so postulieren sie, habe den Sinn und Wert des Meßopfers als der ständigen Aktualisierung des Kreuzesopfers Christi ungebührlich heruntergespielt, sei dabeigewesen, das Zentrum des Opfergedankens überhaupt aufs Spiel zu setzen zugunsten irgendeiner kommunitären Ekklesia. In diesem wie in einigen anderen Punkten tat diese Bewegung nichts anderes, als die pastoral berechtigte Frage nach dem Wert der alten Anhänglichkeiten zu stellen &¬ x2026;)

Es ergibt sich also (immer nach Girard) folgendes Geschichtsbild: Eine lange vorbereitende und vorbereitete Tradition jüdischer Spiritualität stellt dem alten, universalen Mordgeheimnis der Menschheit, nämlich der Gründung ihrer Kulturen auf rituellen kollektiven Opfermord und kollektive Aggressivität nach außen, eine neue mögliche Welt gegenüber - eine Welt, in der das Opfer recht hat und damit das alte kulturgründende Ritual als platten Lynchmord entlarvt. Christi Predigt, seine Wehrufe gegen die »Pharisäer« (die insgesamt für die alte Sakraltradition stehen) und seine Aufforderung zu bedingungsloser, nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheidender Liebe reizt die Hüter der alten Tradition zum Gegenschlag. Sein Kreuzestod ist kein Sakral-Opfer, sondern die endgültige Entlarvung eben dieses Opfers. Dies, so wäre festzuhalten, ist also der eigentliche, der innere Sinn des Kreuzes: von Golgotha an gibt es kein Opfer mehr, das dazu taugen könnte, die Kultur auf der Basis des Blutvergießens zu stabilisieren.

Doch die Christenheit, insbesondere die Heidenchristen, die nie auch nur den Hauch einer solchen Option verspürt haben (wenn wir einmal von einigen Tragödien, etwa von der Antigone des Sophokles, absehen) gehen nur allzu bereitwillig auf die archaische Deutung des Kreuzestodes ein - auf seine Interpretation als das Opfer aller Opfer, in dem das kostbarste Lamm, der Sohn Gottes selbst, als endgültig und für alle Zeiten stellvertretendes Opfer den alten Blutbund nicht nur bestätigt, sondern überhöht hat. So gesehen, konnte in der Tat ein Balkan-General Christus als das endgültige, als das totale Siegeszeichen begreifen - im Sinne römischer Kontinuität.

Zwischen diesen Polen bewegt sich seither die Geschichte. Scheinbar ist in ihr immer das Siegeszeichen, der alte Logos der Macht, dem neuen, dem johanneischen WORT überlegen, vertreibt es: denn die Finsternis hat es nicht begriffen. Aber gerade dieses ständige Bedürfnis der Vertreibung zeugt von der Abgenutztheit, dem steten Schwinden kulturgründender Wirkung - einer Wirkung, die sich immer wieder durchzusetzen versuchte, von der Milvischen Brücke bis zur imperialistischen Kolonisation, die als des christlichen White Man 's Burden (Kipling) begriffen wurde.

Ein besonders grelles Beispiel für den Gegensatz zwischen der sakrifiziellen und der gewalt-demaskierenden Rolle des Kreuzes hat sich im Gedächtnis vieler noch Lebender, darunter auch dem meinen, eingegraben. Es war die Rolle und Rezeption des Kreuzes im Dritten Reich, insbesondere durch Hitler selbst.

Wer sich die Mühe antut, Hitlers Schriften zu lesen, insbesondere Mein Kampf, ist überrascht festzustellen, mit welcher Delikatesse er die Frage seiner Beziehung zum Christentum umgeht. Seine ganze forma mentis einschließlich seiner Kindheitsprägung war, wie etwa Friedrich Heer überreichlich nachgewiesen hat, in einem konventionell-spießigen Kontext durchaus ,katholisch' - den steilen Jux nordischer Mythenbildung überließ er gern Paladinen wie Rosenberg, die man sogar von den Kanzeln energisch angreifen durfte. In Wahrheit hatte er natürlich ein konstantinisches Brautbett oder Bündnis nie im Auge, war aber Realist genug, mit der Unwiderstehlichkeit eines Konkordats zu locken - eines Konkordats, dessen kirchlicher Partner immer und stets von der sakrifiziellen Deutung Christi und seiner Kirche legitimiert ist und sein muß. Die arglose Staatstreue der Christen hat die gleiche historische Wurzel.

In Wahrheit, wiederholen wir es, ging es Hitler um viel Größeres - letzten Endes um die Wiederaufrichtung des genuin heidnischen Opferstaates, die Wiederherstellung antiker Härte und Glorie, mit dem bislang größten und würdigsten stellvertretenden Opfer überhaupt: der gesamten Judenheit. Schon in der Frühzeit seines politischen Auftretens leitete er das entsprechende Ritual ein - die Beschimpfung, die Verhöhnung, die Verwandlung des Opfers in ein Gefäß quintessentiell verdichteter Bosheit. Und ein zweites Opfer war ausersehen und markiert: das sogenannte lebensunwerte Leben, alles, was schwach und kampfuntauglich war, was sich der kollektiven Sozialisation im Mordritual entzog.

Es dauerte lang, bis die konstantinisch geprägte Kirche den Zusammenhang begriff - bis weit in die Jahre des anhebenden Krieges hinein. Der Knackpunkt, die Wendung, in der jäh das wahre Heilswort, die echte jüdisch-christliche Botschaft auftauchte, war der Beginn der Vergasungen - nicht der Juden, sondern der geistig Behinderten. Ein Bischof von Münster, der durchaus ein wackerer deutscher Patriot war und es bis übers Kriegsende hinaus blieb, von Galen, denunzierte kräftig und in aller Öffentlichkeit diese Praxis und stellte das Urwort des Dekalogs hin: DU SOLLST NICHT TÖTEN!

Die Praxis wurde, wenigstens nach außen hin, eingestellt, die Transporte unterblieben, und die Spezialistenteams fuhren nach Osten, in die Lager der Vernichtung. (Auschwitz muß in diesem Zusammenhang gesehen werden ohne ihn wäre es wesentlich »sinn«ärmer.)

Leider hat sich die Kirche in der Judenfrage nie zur gleichen Festigkeit aufraffen können - hier waren zu viele Komponenten der alten Sakralopfer-Theorie am Werk, zu viele Hindernisse, um den Haß der feindseligen Zwillinge überwinden zu können. Ich nehme jedoch an, daß Hitler und die Seinen nach der Schlappe, die ihnen Galen beigebracht hatte, etwas begriffen: die letzten Endes irreduzible, immer wiederkehrende Macht des Kreuzes als der endgültigen Demaskierung der sakralen Gewalt.

Diese Demaskierung ist so endgültig, daß auch Hitlers gigantisches Kalkül scheitern mußte: die globale Wiederherstellung der alten Lynchrituale, die permanente Rechtlosigkeit der Nicht-dazu-Gehörenden, die man je nach Bedarf versklaven, vertreiben oder eben opfern konnte. Was nachträglich nicht nur verwundert, sondern alle Christenheit sehr nervös machen müßte, das ist die Instinktlosigkeit, die gerade diesen Zentralpunkt übersah - ohne diese Instinktlosigkeit wäre kein Reichskonkordat und kein trügerischer Flirt zwischen Nazismus und Reichstheologie möglich gewesen. Hier, und nicht in irgendwelchen erratischen Geistes- und Lebensläufen von Äbten oder Theologieprofessoren, liegt das eigentliche, jede individuelle Schuld überragende scandalum&¬ x2026;)

Ich bin kein Theologe. Ich verfolge die Wege der Theologie sozusagen von außen, wenn auch verbunden mit Freunden, die mir gelegentlich wertvolle Orientierung geben. Aber ich gestehe für meine Person: das Muster, das durch solche Betrachtung, wie sie Rene Girard anstellt, sichtbar wird, hat mich aus vielen Zweifeln heraus - und in neue hineingeführt - wobei der untrügliche Eindruck eines ungeheuren Gewinnes nicht zu bezweifeln war. Wichtig scheint mir dabei zu sein, daß wir nicht in hitzige Denunziationen unserer eigenen Geschichte verfallen - daß wir aber auch auf keine einzige der Einsichten verzichten, welche uns diese gleichzeitig ekklesiologische und anthropologische Deutung liefert: die offenbare Triumphgeschichte eines Kreuzes, das in Wahrheit der Nachfolger uralter heidnischer Lynchmordmuster ist - und die offenbare Niederlage eines Kreuzes nicht nur auf dem Kalvarienberg, sondern auch im Laufe vieler, vieler Jahrhunderte, in denen es, ständig von den alten Menschheitsgewohnheiten vertrieben und verjagt, dennoch ständig und unabweislich zurückkehrt, indem es die Unhaltbarkeit und die wachsende Ohnmacht der Kulturstiftung durch Blutopfer aufzeigt. Zuletzt haben es Hitler und Stalin demonstriert: wir können nicht zurück. Wir können keinen Frieden aufrichten, wir können nicht einmal eine bescheidene gesellschaftliche Dauer stiften mit den alten Methoden. Aber was wir erleben können und vielleicht erleben werden, ist eine Menschheit, die es nicht schafft, den wirklichen neuen Bund, den Bund der Gewaltlosigkeit, der verzichtenden Liebe zu Mensch und Kosmos, konkret und in allem gebotenem Ernst einzugehen.

Kehren wir zum Anfang zurück: Evelyn Waughs Roman schließt mit der Auffindung des wahren Kreuzes durch die Kaiserinmutter Helena, und Waugh meint, daß sie in einer Welt des Umbruchs, des Meuchelmords, des theologischen Geredes schließlich und endlich auf etwas gestoßen sei - etwas, was gerade auch ihrem britischen Ingenium hervorragend entgegenkommt: auf eine Tatsache - a fact. Hoffen wir, daß die nackte Faktualität des wahren Kreuzes über alle falschen Stellvertretungen, über alle sakrifiziellen Schleier, wie es Girard nennt, auf seine stille und unaggressive Weise die Oberhand behalten wird.

 


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