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Die Deutung des
Todes Jesu
An den Karfreitag erinnert
in fast jeder Kirche das Kreuz. Der Freitag hat auch während des
Jahres den Charakter des Gedächtnisses an den Tod Jesu. Durch die
Herz Jesu-Verehrung wurde diese
Tradition noch einmal neu geprägt. Diese Selbstverständlichkeit
des Kreuzes gab es im ersten christlichen Jahrtausend nicht. Viele
Jahrhunderte lang hatten es die Christen nicht gewagt, Jesus als
den Gekreuzigten darzustellen. Wer durch das Kreuz hingerichtet
wurde, galt im römischen Reich als ein verachtenswerter Verbrecher.
Der Film "Die Passion Christi" hat die Grausamkeit dieses Todes
neu vor Augen geführt. Jesus ist zu dem schmerzlichsten und schmählichsten
Tod verurteilt worden, den die damalige Zeit kannte. Für seine Anhänger
brach alles zusammen. Gott mußte den Messias, der seine Sendung
durch Wunder und überzeugende Worte erwiesen hatte, verlassen haben,
wenn er von Heiden auf diese Weise umgebracht werden konnte. Von
seinen Anhängern war nicht zu erwarten, daß sie aus diesem Sterben
Hoffnung schöpfen würden. Gott mußte handeln, wenn dieser Tod nicht
das Ende sein sollte.
Jesus hatte durch die Umwidmung des Paschamahles selbst seinen Tod
als Sühnopfer gedeutet. Nach dem Mahl geht Jesus mit den Jüngern
in einen Garten und ringt im Gebet um den Willen Gottes. Darauf
folgt die Gefangennahme. Jesus wird von der jüdischen Obrigkeit
verhört und von dieser an den Oberbefehlshaber der römischen Besatzungsmacht
überwiesen. Die Verurteilung erfolgt in einem Hin und Her zwischen
Pilatus und der jüdischen Obrigkeit, die wiederum die Menge zu steuern
vermag. Pilatus bietet eine Amnestie an, die aber einem anderen
Verhafteten, Barabbas, zugute kommt. Bevor Jesus zur Kreuzigung
geführt wird, wird er gegeißelt und als Pseudokönig verhöhnt. Dann
wird er zur Hinrichtungsstätte geführt und gekreuzigt. Selbst hier
verspotten ihn noch seine Gegner. Er stirbt und wird beigesetzt.
Es gibt mehrere Motive, warum die jüdische Obrigkeit Jesus beseitigen
will, ja glaubt, beseitigen zu müssen. Johannes berichtet von einer
Beratung im Hohen Rat. Dabei spielen politischen Überlegungen eine
entscheidende Rolle. Jesus könne Auslöser für eine Aufruhrbewegung
sein, die von den Römern niedergeschlagen und mit härteren Unterdrückungsmaßnahmen
beantwortet würde (Joh 11,45-53). Der Hohepriester Kaiphas spricht
den berühmten Satz: "Es ist besser, daß einer für das Volk stirbt,
als daß das ganze Volk zugrunde geht." Die Ablehnung des Boten
Gottes durch die Juden wird von den Evangelisten als ein Motiv für
den Tod Jesu dargestellt. Im Verhör vor dem Hohen Rat wird Jesus
der Gotteslästerung überführt, weil er sich als Messias und Sohn
Gottes bezeichnet. Vor Pilatus argumentieren die Hohen Priester,
daß Jesus die Königswürde beanspruche und damit die Oberhoheit des
Kaisers in Frage stellt. Im Bericht vom Prozeß vor der römischen
Instanz wird die jüdische Obrigkeit als treibende Kraft dargestellt,
während Pilatus schwankt, ob er ein Urteil im Sinne der Ankläger
fällen soll.
Wie haben die Christen eine Antwort auf die Frage gefunden, warum
Gott den Tod seines Messias hinnehmen konnte? Im Alten Testament
finden sie eine Antwort und entdecken die Konturen eines göttlichen
Heilsplans. Das Gebet Jesu im Garten drückt aus, daß Jesus sein
Leiden als Willen Gottes akzeptiert.
Vater, alles ist dir
möglich. Laß diesen Kelch an mir vorübergehen. Doch nicht, was ich
will, sondern was du willst geschehe. (Mk 14,36)
Zu den Emmausjüngern
sagt der Begleiter, den die beiden dann als Jesus, den Auferstandenen
erkennen: Ihr Unverständigen, wie schwer fällt es euch, an all das
zu glauben, was die Propheten geweissagt haben. Mußte der Messias
nicht dies alles leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen. (Lk
24,25-26) Neben dem Buch der Weisheit (2,12-22) finden sich im zweiten
Teil des Jesajabuches Lieder von einem Gottesknecht. In dieser Gestalt
sehen die ersten Christen das Leiden Jesu gedeutet. Das vierte Lied
vom Gottesknecht wird im Karfreitagsgottesdienst gelesen. Einige
Verse zeigen bereits, welche Deutungskraft das Lied für die ersten
Christen, die ja Juden waren, haben mußte:
Viele haben sich über
ihn entsetzt, denn er sah entstellt aus,
nicht wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen.
Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm
verstummen.
Denn wovon ihnen kein Mensch je erzählt hat, das sehen sie nun;
was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt …..
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden,
ein Mann voller Schmerzen, mit der Krankheit vertraut.
Wie ein Mensch, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er bei uns
verfemt und verachtet.
Aber er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf
sich genommen.
Wir meinten, er sei vom Unheil getroffen, von Gott gebeugt und geschlagen.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer
Sünden mißhandelt.
Weil die Strafe auf ihm lag, sind wir gerettet, durch seine Wunden
sind wir geheilt.
Wir hatten uns alle verirrt wie die Schafe, jeder ging für sich
seinen Weg.
Doch der Herr warf all unsere Sünden auf ihn.
Er wurde geplagt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht
auf.
Wie ein Lamm, das man wegführt, um es zu schlachten,
und wie ein Schaf, das verstummt, wenn man es schert, so tat auch
er seinen Mund nicht auf.
Durch Haft und Gericht kam er ums Leben, doch wen kümmerte sein
Geschick?
Er wurde aus dem Land der Lebenden verstoßen und wegen der Verbrechen
seines Volkes getötet.
Bei den Gottlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine
Ruhestätte,
obwohl er kein Unrecht getan hat, und aus seinem Mund kein unwahres
Wort kam.
Doch der Herr fand Gefallen an seinem mißhandelten Knecht,
er rettete den, der sein Leben als Sühneopfer hingab…
Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er wieder das Licht und wird
erfüllt von Erkenntnis …..
denn er gab sein Leben hin und wurde zu den Verbrechern gerechnet.
Er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.
(Jesaia 52,13-53, 12) Vgl. auch die anderen Gottesknechtlieder (Jesaia
42,1-9; 49,1-9; 50,4-9).
In seinem Leidensweg
erweist sich Jesus nicht nur als der Gerechte. Die Evangelien sehen
im Geschick Jesu Gottes Handeln. So wie Jesus seinen Weg gegangen
ist, so handelt Gott. Markus führt den Hörer zu dieser Einsicht.
Jesus wird nicht durch Machttaten, durch den Erweis von Überlegenheit
als Sohn Gottes erkannt, sondern in seinem Tod: Als der Hauptmann,
der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte
er:
"Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn." (Mk 15,39)
Entwicklung des Karfreitags
Der Gedächtnistag des Leidens und Sterbens Jesu war ein Tag der
Trauer und, um das Mitleiden auszudrücken, ein Tag des Fastens.
Dieses Fasten ist schon im 2. Jahrhundert bezeugt. Von daher kommt
auch der Brauch, an jedem Freitag zu fasten und damit des Leidens
Jesu zu gedenken. Anfangs wurde dieser Tag wohl ohne einen Gottesdienst
begangen.
Liturgie
In Jerusalem
entstand die Verehrung des Kreuzes,
das 320 von der Kaiserin Helena wiedergefunden worden war. Im Westen
entwickelte sich ein Gottesdienst mit Lesungen und Gebeten; die
Verehrung des Kreuzes wurde schon früh an Orten gepflegt, die eine
Reliquie des Kreuzes erhalten hatten. Bis heute wird am Karfreitag
keine Messe zelebriert. Erst seit dem 7. Jahrhundert wurde eine
Kommunionfeier an den Gebetsgottesdienst angeschlossen. Die Hostien
werden bereits in der Gründonnerstags-messe konsekriert. Der Zeitpunkt
des Karfreitagsgottesdienstes liegt seit dem Mittelalter am Nachmittag.
Die Todesstunde Jesu ist nach den Berichten der Evangelien 15 Uhr.
Der Karfreitagsgottesdienst hat in der katholischen Kirche eine
eigenständige, sehr alte Liturgie, die ihn von anderen Gottesdiensten
unterscheidet. Drei Teile bilden die Feier.
1. Wortgottesdienst
Im Mittelpunkt steht die Passion nach Johannes, der zwei Lesungen
vorausgehen. Dieser Wortgottesdienst wird mit den "Großen Fürbitten"
abgeschlossen, die ein hohes Alter haben.
2. Kreuzverehrung
Das seit dem 5. Fastensonntag vielerorts durch ein Tuch verhüllte
Kreuz wird enthüllt. Dabei wird leitmotivisch der Vers gesungen:
"Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt". Priester,
Meßdiener und auch die Gläubigen nähern sich mit drei Kniebeugen
dem Kreuz und küssen oder verehren es auf andere Weise.
3. Kommunionfeier
Es werden dann die bereits am Gründonnerstag konsekrierten Hostien
vom Tabernakel zum Altar gebracht. Darauf folgt dann nur die Kommunionausteilung.
Nach dem Gottesdienst wird der Altar wieder abgeräumt.
Die Darstellung des Leidens
Christi in Schauspielen geht auf das Mittelalter zurück. Heute wird
die Passion gesungen, oft die von J.S. Bach vertonten. Einiges Brauchtum
leitet sich vom Trauercharakter des Tages ab. Der Tag darf nicht
durch Tanzen entweiht werden. Der Schmied darf weder Hammer noch
Nägel gebrauchen, weil sie Leidenswerkzeuge Christi waren. Man soll
am Karfreitag weder ein Tier töten, noch ein Tier schlagen.
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